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Pauker aus Arbeitermilieu : Wie sich die soziale Herkunft von Lehrern auf den Unterricht auswirkt

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Garantiert ein Lehrer, der nicht die Mittelschicht repräsentiert - Elyas M’Barek als falscher Pauker in „Fack ju Göhte“. Bild: Christoph Assmann/Constantin Film Verleih

Lehrer neigen dazu, von Schülern mit einfacher Bildungsherkunft weniger Leistungen zu erwarten. Aber ist es möglich, dass Lehrer, die selbst aus niedrigeren sozialen Schichten stammen, Schüler mit ähnlichem sozialen Hintergrund bevorzugen?

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          In Deutschland hängt der Erwerb höherer Schulabschlüsse maßgeblich vom Bildungsstand der Eltern ab. Immer noch haben die sogenannten Akademikerkinder bessere Chancen, ihrerseits Akademiker zu werden, als die Kinder von Arbeitern oder einfachen Angestellten. Trotz aller politischen Bemühungen, diesen Bann der Herkunft in den Bildungsbiographien zu brechen. Entsprechend zu Ende erforscht erscheint das Feld der Bildungssoziologie. Ob es die familiären Bindungen sind oder die Schule – der Forschungsstand ist kaum noch zu übersehen, am Widerstand des Phänomens selbst hat sich jedoch nichts geändert.

          Und doch haben Charlotte Ostermann und Martin Neugebauer jetzt noch einen Aspekt der Schule gefunden, der bisher tatsächlich kaum erforscht wurde. Sie gehen von dem bekannten Befund aus, dass Lehrer dazu neigen, von Schülern mit einer einfachen Bildungsherkunft von vorneherein weniger Leistungen zu erwarten, was sich dann wiederum in entsprechend geringeren schulischen Erfolgen dieser Schüler niederschlägt. Kaum untersucht wurde aber bisher die Frage, ob alle Lehrkräfte in gleicher Weise solchermaßen diskriminierten. Vielleicht reagierten sie je nach ihrer eigenen Bildungsbiographie unterschiedlich auf sozial benachteiligte Schüler?

          Wenn es stimmt, wie Pierre Bourdieu schrieb, dass Schulen „Mittelschichtsinstitutionen“ sind, dann wäre auch zu erwarten, dass sie Mittelschichtskinder entsprechend privilegierten. Aber wäre es möglich, dass Lehrer, die selbst aus niedrigeren sozialen Schichten stammten, Schüler mit einem sozialen Hintergrund ähnlich dem ihrigen bevorzugten? Sie eher unterstützen, motivieren und fördern, gerade weil sie wissen, wie schwer es ist, die eigene Bildungsherkunft zu verlassen? Könnten, so die Frage von Ostermann und Neugebauer, Arbeiterkinder, die Lehrer geworden sind, anderen Arbeiterkindern helfen, weil sie selbst immer noch Kinder von Arbeitereltern sind?

          Neutralität gegenüber der Bildungsherkunft der Schüler

          Die Datenlage ist hier schwierig. Weder das Nationale Bildungspanel noch neuere Teile von PISA erfragen die soziale Herkunft der Lehrer. Immerhin konnten die Autoren mithilfe älterer Daten aus der PISA-Studie von 2003 und 2004 ihre Frage anhand von Mathematiklehrern in Realschulen und Gymnasien untersuchen, die in den Klassen 9 und 10 unterrichteten. Die Schüler wurden vor dem Hintergrund ihrer Bildungsherkunft befragt, ob sich ihre Lehrer besonders für sie interessiert hätten und ihnen besondere Hilfe zukommen ließen. Das Ergebnis ist erstaunlich: Alle Schüler nahmen unabhängig von ihrer Bildungsherkunft Unterschiede im Unterstützungsverhalten der Lehrer je nach deren sozialer Herkunft wahr.

          Allerdings scheinen sich Schüler der Arbeiterklassen nicht von sozial ähnlichen, sondern von Lehrern aus höheren sozialen Schichten besser unterstützt zu fühlen. Das gilt auch für die Schüler aus diesen höheren sozialen Schichten. Generell fühlten sich Schüler unabhängig von ihrer Herkunft von Lehrern aus Familien mit Arbeiterhintergrund schlechter unterstützt. Und hinsichtlich ihrer mathematischen Kompetenzen profitierten diese Schüler auch nicht von einer sozial ähnlichen Lehrkraft. Deren soziale Herkunft, so das Fazit der Studie, sei für die Kompetenzen und Noten der Schüler schlicht irrelevant.

          Dazu muss man wissen, dass 29 Prozent aller Lehrkräfte im Sample dieser Studie angaben, aus einer Arbeiterfamilie zu stammen, weitere 65 Prozent hatten eine Familie ohne akademischen Hintergrund. Der Lehrerberuf ist also ein sozialer Aufstiegsberuf. Diese Lehrer mögen ihrer Herkunft nach noch etwas mit der „Arbeiterschaft“ zu tun haben, jetzt aber sind sie eben Lehrer, und zu diesem Beruf gehört die erlernte professionelle Neutralität gegenüber der Bildungsherkunft ihrer Schüler. Aber warum fühlen sich Schüler unabhängig von ihrer sozialen Herkunft weniger unterstützt von Lehrkräften mit niedrigerer Herkunft? Die Autoren nennen diesen Befund selbst überraschend und schließen die Empfehlung daran an, lieber alle Lehrkräfte für Bewertungsverzerrungen zu sensibilisieren, anstatt für benachteiligte Schüler gezielt „sozial passende“ Lehrer einzusetzen.

          Was Lehrer mit niedriger Bildungsherkunft womöglich präge, sei eben ein typischer Aufsteigerhabitus mit für diesen besonders wichtigen Tugenden wie „Fleiß, Anstrengung und Disziplin“. Außerdem lag das Durchschnittsalter der Lehrer 2004 bei der Erhebung dieser Daten schon bei 56 Jahren. Vielleicht sind diese Tugenden in der heutigen Schule auch gar nicht mehr gefragt? Von den Schülern jedenfalls wurden sie genau so wahrgenommen.

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