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Soziale Systeme : Sind Opern nur für Opas da?

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Das Palais Garnier Opernhaus in Paris. Bild: dpa

Keiner hat Ahnung aber alle machen mit. Wirklich viel Kompetenz ist nicht nötig um sich dazugehörend zu fühlen und dennoch gibt es Unterschiede wenn es um den Opernbesuch geht. Über die Stammkundschaft im Opernhaus.

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          Kunst ist ein Reich der Freiheit. Das äußert sich unter anderem in der Zwanglosigkeit ihres Konsums. Niemand muss (noch) Goethe lesen, ins Museum gehen oder sich in der Oper blicken lassen. Mancher kann sich ein Leben ohne all dies vielleicht nicht vorstellen, aber dann ist auch das seine Privatsache. Ein anderer mag sich speziell vom Opernbesuch als Veranstaltung mit einem großen sozialen Prestige entsprechende Vorteile ausrechnen, auch wenn ihn das Getöse da vorne auf der Bühne im Grunde furchtbar langweilt. Echter Genuss ist insofern ein hinreichendes, aber nicht notwendiges Motiv für einen Opernbesuch. Kalkül (sieht mich mein Chef?) oder schlichte Gewohnheit reichen völlig aus. Man muss nur dem Anlass entsprechend angezogen sein, ein von der Musik ergriffenes Gesicht machen und hinterher ein paar passende Worte finden, und schon darf man sich dazugehörend fühlen, auch wenn man nicht im Geringsten über die Kompetenzen verfügt, Musik und Handlung kulturell zu dechiffrieren.

          Gemessen an einer Skala des sozialen Zwangs, ist das allerdings so gut wie nichts. Die kultursoziologische Frage, wer in die Oper geht und warum, ist insofern – wie ihr Gegenstand – von großer Freiheit geprägt. Man kann sie stellen, eine drängende gesellschaftliche Problemlage wird ihre Antwort indes nicht lösen. Man könnte wohlwollend sagen, es gibt in der Tat Wichtigeres zu erforschen, aber solange das anderswo geschieht, kann man ja auch Kultursoziologie betreiben.

          Darum scheint auch die Frage, wer in die Oper geht, keine besonderen soziologischen Herausforderungen zu stellen. Da der Opernbesuch selbst ein sehr sichtbares soziales Phänomen ist, dürfte schon der Laie die Befunde der Forschung vorwegnehmen können: Opernbesucher sind mehrheitlich Akademiker mit gutem bis gehobenem Einkommen, aus bürgerlichen Vierteln mit viel Altbaubestand stammend und eher in den älteren Altersgruppen zu finden. Aber auch hier gilt, dass Merkmalsverteilungen noch keine kausalen Erklärungen bieten. Man geht nicht in die Oper, weil man studiert hat, über Vermögen verfügt und keine zwanzig mehr ist. Und man geht auch als Angehöriger der Oberschicht nicht in die Oper, weil man sich damit von den anderen Klassen abgrenzen will. Die Abgrenzung folgt nicht einer ausdrücklichen Strategie, sie ergibt sich eher als Folge klassenspezifischer Geschmacksunterschiede. Dieser sogenannte Klassenhabitus erhöht sicher die Wahrscheinlichkeit, sich vier Stunden lang den „Parsifal“ anzuhören, aber er ersetzt nicht die individuelle Entscheidung dazu.

          Abwägen einer Konsumentscheidung

          Nun besteht in der Soziologie nach wie vor keine Einigung darüber, wie Entscheidungen überhaupt zu konzipieren wären. Sind sie Ergebnis des rationalen Abwägens oder der automatischen Abfolge von Normen und kulturellen Gewohnheiten?

          Der Schweizer Soziologe Sebastian Weingartner hat diese Fragen jetzt mit Daten aus einer 2013 durchgeführten Befragung zum Thema „Lebensstile in der Schweiz“ überprüft. Man könnte vermuten, dass gerade seine Zwanglosigkeit und Zwecklosigkeit den Opernbesuch zu einem besonders geeigneten Beispiel für das rationale Abwägen einer Konsumentscheidung machen würde. Es zwingt einen ja praktisch nichts dazu, und es locken zahlreiche Alternativen: Man kann eine andere Inszenierung des gleichen Stücks vorziehen, man kann ins Konzert gehen oder ins Kino. Also wäre zu erwarten, dass „wenigstens“ die Sphären der Hochkultur frei wären von der Gewohnheit und dem schweren Trott des Alltags, den kulturell und sozial tief verwurzelten Rollen und Skripten und Präferenzen.

          Doch weit gefehlt. Weingartner kann zeigen, dass das Alter der stärkste „sozialstrukturelle Prädikator“ für den Opernbesuch ist. Ältere Personen hätten mit einer stark erhöhten Wahrscheinlichkeit „opernbezogene Frames und Skripte mental verankert, die sie unabhängig von Präferenzen und Opportunitäten in die Oper führen“. Insbesondere Personen ab dem 60. Lebensjahr entschieden sich „eher automatisch-spontan“ als „reflexiv-kalkulierend“ für den Opernbesuch. Es seien also nicht die Klassengrenzen, die den Entscheidungsprozess für die Oper strukturierten, sondern vorwiegend Altersgrenzen, resümiert Weingartner seine Ergebnisse.

          Sie legten also nahe, dass die Entscheidung für den Opernbesuch von persönlichen Normen beeinflusst wird: Man ging eben immer schon in die Oper, man ist damit tief vertraut, er geschehe auf eine „ungezwungene und detachierte Weise“ und sei damit ein „natürlicher Teil des Oberklasse-Lebensstils“. Man kann sozusagen gar nichts dafür, dass man die Oper mag, man hat es einfach nicht anders gelernt. Mit Pierre Bourdieu gesprochen: Auch der Konsum von Hochkultur gründet in der „Erfahrung eines spontanen, vorbewussten und unreflektierten Einklangs mit der Welt“. Für die Anhänger der Rational-Choice-Theorie hat das Schweizer Opernpublikum insofern keine guten Nachrichten. Man sucht auch dort die Harmonie und nicht die reflexive Dissonanz mit der Welt.

          S. Weingartner: Führen mehrere Wege in die Oper? Die soziale Strukturierung von Entscheidungsprozessen für den Kulturkonsum, in: KZfSS (2019) 71: 53-79.

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