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Anti-Stress-Bewegung : Unsere Seele braucht die Leere

Stress bei der Arbeit? Ein Nickerchen am Mittag könnte Abhilfe schaffen. Bild: dpa

Bald wissen wir alles über Stress, viele leiden, manche wollen ohne ihn nicht auskommen. Aber niemand hat wirklich die Kontrolle. Ein Anti-Stress-Exkurs zwischen Medizin, Kommerz und ehrfürchtiger Geistigkeit.

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          Beginnen wir beim Glück. Gezwungenermaßen. Wir sind in den Westalpen, Lech am Arlberg. 2004 mit einer Goldmedaille in der Kategorie Dorf im „Entente Florale Europe“ ausgezeichnet. Was hier blüht, ist das alpine Glück in Reinkultur. Stress ist hier ein verkümmertes Pflänzlein – und die Heuernte ein entspanntes bäuerliches Hochamt gegen das, was im Sportpark der Gemeinde unter modernen Schlüsselbegriffen wie „erschöpfte Multitasking-Gesellschaft“, „Burnout, von Normalität und Wahnsinn“ oder „das selbstsüchtige Gehirn“ verhandelt wird.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Stress lautet das Thema. Stress und was er mit uns macht, vor allem aber: was wir tun können, wenn wir dieser „unlustvollen Aufruhr“, die das Systemversagen unserer rastlosen Zivilisation ständig hervorbringt, zu entfliehen versuchen. Medizin und Meditation, Slow Food und Psychotherapie („Mind, Mood and Food“), Wellness und Psychiatrie – vom neurologischen Zauberberg bis Shangri-La. Das also war Gegenstand des dritten „Medicinicum“ in Lech. Gewissermaßen der Versuch, die Erstarrung der Seele und des Körpers mit dem interdisziplinären Diskurs über den Weltstress selbst zu lösen.

          Suche nach Glück ist ein heilloses Unterfangen

          Wo aber anfangen? Vor allem, wenn es stimmt, was der Wiener Philosoph Robert Pfaller in seiner Lehrstunde über die antike Glücksphilosophie Epikurs bis zum modernen „Weltschmerz“ nachdenklich ausbuchstabierte: dass nämlich das Wissen über den Stress in den vergangenen zwanzig Jahren zwar massiv zugenommen habe, dieser Erkenntnisvorteil sich aber keineswegs in nachhaltige Stressbewältigungs- und -vermeidungsstrategien hat ummünzen lassen. Für die alten Griechen war Glück jedenfalls nur mit der Abwesenheit von Ataraxie – also Stress – möglich. Heute ist Stress dagegen gewissermaßen ins psychosoziale System fest eingebaut und die Suche nach Glück ein heilloses Unterfangen.

          Das Grundübel: Arbeitsstress und Multitasking-Anforderungen.
          Das Grundübel: Arbeitsstress und Multitasking-Anforderungen. : Bild: Picture-Alliance

          „Wir sind heute alle Experten für Stress“, sagte Pfaller, wer aber noch fürs Glück? Es ist nicht nur die Multitasking-Gesellschaft, die Pfaller beklagt, etwa die durchschnittlich 30.000 E-Mails der Führungskräfte im Jahr, von denen der Wiener Anti-Stress-Unternehmer und Neurologe Wolfgang Lolouschek berichtete, oder der völligen Abwesenheit stressfreier Zonen im Alltag – für Pfaller sind es die „Effizienzkriterien“ der modernen Gesellschaften schlechthin, die zur psychischen Gängelung führen: Vom überbordenden „Privatisierungsdruck“ in der Arbeitswelt und der Dauerüberwachung durch Bürokraten bis zu dem Umstand, dass schon gewöhnliche Arbeiter heute kreativ sein müssen, wo Kreativität gar nicht mehr sinnvoll ist.

          „Man ist zu vollem Einsatz gezwungen, aber nicht in der Lage, sich voll einsetzen zu können.“ Überforderung trübt das Glück. Ein latentes „Ungleichgewicht zwischen Anforderung und Möglichkeiten“ beklagte auch der Psychotherapeut Reinhard Haller aus Frastanz. Langeweile als kreativer Akt zu begreifen, diesen Luxus müsse man sich zurückerkämpfen. Vielleicht, indem wir wie der Psychologe Pasquale Calabrese von der Universität Basel die Beherrschung des „natürlichen Alarmsystems Stress“ weniger als ein Problem der modernen Zivilisation als das seiner Zivilisierung erkennen. Aufbäumen also – Glück und Gelassenheit in einem Akt der Stressrebellion zurückgewinnen.

          „Nur noch erschöpfte Patienten“

          Leichter gesagt als getan. Stressvermeidung müsste, geht man nach den medizinischen und empirischen Befunden der Psychologie, höchste Priorität erhalten. „Ich habe im vergangenen Jahr nur noch erschöpfte Patienten bei mir gehabt“, berichtete etwa Alfred Wolf vom Medizinischen Zentrum in Ulm, 65 Prozent fühlen sich seiner Patientenumfrage zufolge chronisch müde, 60 Prozent energielos, 40 Prozent ausgebrannt. Nur noch 4,5 Prozent empfindet keinerlei Druckgefühl. Die Möglichkeiten der Menschen, sich an Belastungen anzupassen, scheinen evolutionär ausgeschöpft. Die „Stresspersönlichkeit“, klagt Wolf, beginne sich von Generation zu Generation mehr durchzusetzen.

          Die Geduldsprobe: Entspannung
          Die Geduldsprobe: Entspannung : Bild: plainpicture/Anja Weber-Decker

          Dem präfrontalen Kortex, unserer wichtigsten Instanz im Kopf, um Stressreaktionen zu verarbeiten und zu dämpfen, droht die Überlastung, die Stressverarbeitung droht zu erodieren. Wird Stressdemenz zum neuen Krankheitsbild? Eine latente Gefahr. „Wer frühkindlichen Stress erfährt, wird Täter in nächster Generation“, sagte Wolf mit Blick auf die zahllosen Befunde aus Klinik und Tierversuchen, die längst gezeigt haben, dass hohe Stresshormonspiegel die Entwicklung, Erregbarkeit und das Verhalten der nachfolgenden Generation ungünstig beeinflussen – bis hin zur epigenetischen Prägung bei Nachgeborenen, die auch Unschuldige endgültig zu Opfern macht.

          Die mütterliche Vernachlässigung durch Stress ist ebenso aktenkundig wie die kognitive Erstarrung bei Säuglingen unter akutem Stress, über die unlängst Bochumer und Dortmunder Psychologen um Sabine Seehagen berichteten. „Emotionen wirken auf unsere Moleküle“, an die 200.000 Moleküle fluten bei höchster Stressbelastung Geist und Körper, Stress führt so, wie es Calabrese bezeichnete, zur „Demontage unseres wichtigsten Beziehungsorgans“ – des Gehirns. Ein Kontrollverlust in der Großhirnrinde, der über die emotionale Verflachung bei immer mehr Menschen zur völligen Erschöpfung führe.

          „Unser Geist muss leerer werden“

          Wie also die Kraft des Geistes stärken? Urlaub, abhängen, freischwimmen? Sinnvolle akute Gegenreaktionen, doch was gefragt ist gegen die emotionale Dauerbelastung sind nachhaltige Fluchtstrategien. Nicht ganz einfach in modernen sozialen Kontexten: Bis zu sechzig Prozent kognitiver Leistung, meint Neurologe Lalouschek, gehen mit Multitasking und Schlafmangel verloren, der Verlust der psychosozialen Selbstkontrolle sei bei Führungskräften besonders ausgeprägt: Sechsmal so häufig wie üblich sei der Homo oeconomicus mit Leitungsfunktion im Arbeitsbetrieb ein Homo psychopathicus.

          Für ein „Gebot des Nichthandelns“ plädierte daher der Arzt und Daoist Johannes Hickelsberger. Eine Selbstdisziplinierung, die noch zu steigern wäre von der buddhistischen Geisteshaltung des „Nichtdenkens“, gleichsam die vierte und damit größtmögliche Versenkung in der buddhistischen Tradition der Meditation. Peter Riedl, Arzt und Präsident der österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft, hält es jedenfalls für eine gebotene Option der Stressvorsorge und -behandlung: „Unser Geist muss leerer werden.“

          Massenrelaxen beim Yoga.
          Massenrelaxen beim Yoga. : Bild: dpa

          Mit Meditation und Achtsamkeit den rastlosen Geist zur Ruhe zu bringen, die Zeit quasi zu verlangsamen („Wenn du es eilig hast, so gehe langsam“), hielt auch Norman Schmid, Inhaber einer Psychologischen Praxis in St. Pölten, für einen von vielen möglichen Wegen, den „Gipfel der Leere“ zu erklimmen. Denn auch das ist längst Realität: Die Stress-Gesellschaft, das war in Lech leicht zu erkennen, hat längst eine leistungswillige Anti-Stressindustrie hervorgebracht, die selbst nicht mehr zur Ruhe kommt und sich mit ihrem Ratgeberlatein in der spirituellen Welt ebenso bedient wie im Lobbymilieu der Lebensmittelkonzerne.

          Stressminimierung durch Geschmack und Sinnlichkeit

          Persönliche Überzeugungen und Befunde werden gesammelt wie Erlösungsformeln, und dabei geht es keineswegs immer um harte wissenschaftliche Evidenzen, wie sie etwa der Wiener Uniklinikchef Johannes Huber präsentierte, als er davon sprach, dass Herzattacken nach regelmäßiger Meditation „erwiesenermaßen halbiert werden“.

          Manchmal reicht schon Geschmack und Sinnlichkeit, wie sie durch regionale und saisonale Küche („Slow food“) versprochen wird, um den richtigen Weg zur Stressminimierung zu finden: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“, das ist nicht nur für die Wiener Ernährungsberaterin Ulli Zika der Kern einer notwendigen Kurskorrektur, auch Markus Metka, wie Huber wissenschaftlicher Leiter des Medicinicums, schwört auf die kraft gesunder Lebensmittel und eine Rebellion gegen die Macht der Konzerne.

          „Wir sind heute alle überzuckert, überfettet, übersalzt und allesamt überlastet.“ Die Widerstandskraft gegen Stress („Kolbenfresser im Gehirn“) ist nach dieser Anschauung vor allem durch Disziplin, wenn nicht durch „Brain Booster Foods“ zu erreichen – vom Königsfett Omega-3 bis zur Petersilie und den Phospholipiden („damit hört das Gehirn“) aus Innereien.

          „Bei Stress muss man sich vor allem selbst helfen“

          Der Geist muss also nicht nur leerer werden, er braucht eine Premium-Rundumversorgung. 84.000 unterschiedliche Meditationsformen, die es schon gibt, und mehr als hundert Behandlungsverfahren, die allein die Psychotherapie inzwischen anbietet, sind wohl noch lange nicht das Ende der Antistresslitanei. Hypnose, Selbsthypnose, Entspannungsübungen, Biofeedback oder Neurofeedback, dazu die Präparate und Drogen, die als Psychopillen immer mehr Abnehmer finden, werden immer offensiver als Notausgang aus der seelischen Erstarrung gepriesen.

          Meditieren auf dem Dach der Zeche Zollverein.
          Meditieren auf dem Dach der Zeche Zollverein. : Bild: dpa

          Ein Drittel der verordneten Psychopharmaka, warnte Haller vor falschen Hoffnungen auf schnelle Hilfe von außen, würden in der Therapie versagen, der Rest der Patienten müsse mit Gewöhnungseffekten und damit nachlassender Wirkung rechnen. „Bei Stress muss man sich vor allem selbst helfen“, Gelassenheit will gelernt und eingeübt sein. Statt Pille also zusätzliche Auszeiten? Manfred Walzl, Schlafmediziner aus Graz, plädierte in Lech jedenfalls für eine neue Pausenkultur, die vielleicht bequemste Lösung: „Es könnten die besten zwanzig Minuten des Tages sein.“

          Um 37 Prozent sei damit in internen Studien die Arbeitsleistung bei Nasa-Mitarbeitern durch die Einführung einer Schlafpause am Mittag gesteigert worden. Hierzulande, wo schon 37 Prozent über Schlafstörungen klagt, nutzten bisher nur ein Fünftel der Bevölkerung die Chance auf so ein Anti-Stress-Nickerchen. In China dagegen steht das Recht auf einen Mittagsschlaf sogar in der Verfassung.

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