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Anti-Stress-Bewegung : Unsere Seele braucht die Leere

Massenrelaxen beim Yoga.

Mit Meditation und Achtsamkeit den rastlosen Geist zur Ruhe zu bringen, die Zeit quasi zu verlangsamen („Wenn du es eilig hast, so gehe langsam“), hielt auch Norman Schmid, Inhaber einer Psychologischen Praxis in St. Pölten, für einen von vielen möglichen Wegen, den „Gipfel der Leere“ zu erklimmen. Denn auch das ist längst Realität: Die Stress-Gesellschaft, das war in Lech leicht zu erkennen, hat längst eine leistungswillige Anti-Stressindustrie hervorgebracht, die selbst nicht mehr zur Ruhe kommt und sich mit ihrem Ratgeberlatein in der spirituellen Welt ebenso bedient wie im Lobbymilieu der Lebensmittelkonzerne.

Stressminimierung durch Geschmack und Sinnlichkeit

Persönliche Überzeugungen und Befunde werden gesammelt wie Erlösungsformeln, und dabei geht es keineswegs immer um harte wissenschaftliche Evidenzen, wie sie etwa der Wiener Uniklinikchef Johannes Huber präsentierte, als er davon sprach, dass Herzattacken nach regelmäßiger Meditation „erwiesenermaßen halbiert werden“.

Manchmal reicht schon Geschmack und Sinnlichkeit, wie sie durch regionale und saisonale Küche („Slow food“) versprochen wird, um den richtigen Weg zur Stressminimierung zu finden: „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“, das ist nicht nur für die Wiener Ernährungsberaterin Ulli Zika der Kern einer notwendigen Kurskorrektur, auch Markus Metka, wie Huber wissenschaftlicher Leiter des Medicinicums, schwört auf die kraft gesunder Lebensmittel und eine Rebellion gegen die Macht der Konzerne.

„Wir sind heute alle überzuckert, überfettet, übersalzt und allesamt überlastet.“ Die Widerstandskraft gegen Stress („Kolbenfresser im Gehirn“) ist nach dieser Anschauung vor allem durch Disziplin, wenn nicht durch „Brain Booster Foods“ zu erreichen – vom Königsfett Omega-3 bis zur Petersilie und den Phospholipiden („damit hört das Gehirn“) aus Innereien.

„Bei Stress muss man sich vor allem selbst helfen“

Der Geist muss also nicht nur leerer werden, er braucht eine Premium-Rundumversorgung. 84.000 unterschiedliche Meditationsformen, die es schon gibt, und mehr als hundert Behandlungsverfahren, die allein die Psychotherapie inzwischen anbietet, sind wohl noch lange nicht das Ende der Antistresslitanei. Hypnose, Selbsthypnose, Entspannungsübungen, Biofeedback oder Neurofeedback, dazu die Präparate und Drogen, die als Psychopillen immer mehr Abnehmer finden, werden immer offensiver als Notausgang aus der seelischen Erstarrung gepriesen.

Meditieren auf dem Dach der Zeche Zollverein.

Ein Drittel der verordneten Psychopharmaka, warnte Haller vor falschen Hoffnungen auf schnelle Hilfe von außen, würden in der Therapie versagen, der Rest der Patienten müsse mit Gewöhnungseffekten und damit nachlassender Wirkung rechnen. „Bei Stress muss man sich vor allem selbst helfen“, Gelassenheit will gelernt und eingeübt sein. Statt Pille also zusätzliche Auszeiten? Manfred Walzl, Schlafmediziner aus Graz, plädierte in Lech jedenfalls für eine neue Pausenkultur, die vielleicht bequemste Lösung: „Es könnten die besten zwanzig Minuten des Tages sein.“

Um 37 Prozent sei damit in internen Studien die Arbeitsleistung bei Nasa-Mitarbeitern durch die Einführung einer Schlafpause am Mittag gesteigert worden. Hierzulande, wo schon 37 Prozent über Schlafstörungen klagt, nutzten bisher nur ein Fünftel der Bevölkerung die Chance auf so ein Anti-Stress-Nickerchen. In China dagegen steht das Recht auf einen Mittagsschlaf sogar in der Verfassung.

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