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Anti-Stress-Bewegung : Unsere Seele braucht die Leere

„Nur noch erschöpfte Patienten“

Leichter gesagt als getan. Stressvermeidung müsste, geht man nach den medizinischen und empirischen Befunden der Psychologie, höchste Priorität erhalten. „Ich habe im vergangenen Jahr nur noch erschöpfte Patienten bei mir gehabt“, berichtete etwa Alfred Wolf vom Medizinischen Zentrum in Ulm, 65 Prozent fühlen sich seiner Patientenumfrage zufolge chronisch müde, 60 Prozent energielos, 40 Prozent ausgebrannt. Nur noch 4,5 Prozent empfindet keinerlei Druckgefühl. Die Möglichkeiten der Menschen, sich an Belastungen anzupassen, scheinen evolutionär ausgeschöpft. Die „Stresspersönlichkeit“, klagt Wolf, beginne sich von Generation zu Generation mehr durchzusetzen.

Die Geduldsprobe: Entspannung
Die Geduldsprobe: Entspannung : Bild: plainpicture/Anja Weber-Decker

Dem präfrontalen Kortex, unserer wichtigsten Instanz im Kopf, um Stressreaktionen zu verarbeiten und zu dämpfen, droht die Überlastung, die Stressverarbeitung droht zu erodieren. Wird Stressdemenz zum neuen Krankheitsbild? Eine latente Gefahr. „Wer frühkindlichen Stress erfährt, wird Täter in nächster Generation“, sagte Wolf mit Blick auf die zahllosen Befunde aus Klinik und Tierversuchen, die längst gezeigt haben, dass hohe Stresshormonspiegel die Entwicklung, Erregbarkeit und das Verhalten der nachfolgenden Generation ungünstig beeinflussen – bis hin zur epigenetischen Prägung bei Nachgeborenen, die auch Unschuldige endgültig zu Opfern macht.

Die mütterliche Vernachlässigung durch Stress ist ebenso aktenkundig wie die kognitive Erstarrung bei Säuglingen unter akutem Stress, über die unlängst Bochumer und Dortmunder Psychologen um Sabine Seehagen berichteten. „Emotionen wirken auf unsere Moleküle“, an die 200.000 Moleküle fluten bei höchster Stressbelastung Geist und Körper, Stress führt so, wie es Calabrese bezeichnete, zur „Demontage unseres wichtigsten Beziehungsorgans“ – des Gehirns. Ein Kontrollverlust in der Großhirnrinde, der über die emotionale Verflachung bei immer mehr Menschen zur völligen Erschöpfung führe.

„Unser Geist muss leerer werden“

Wie also die Kraft des Geistes stärken? Urlaub, abhängen, freischwimmen? Sinnvolle akute Gegenreaktionen, doch was gefragt ist gegen die emotionale Dauerbelastung sind nachhaltige Fluchtstrategien. Nicht ganz einfach in modernen sozialen Kontexten: Bis zu sechzig Prozent kognitiver Leistung, meint Neurologe Lalouschek, gehen mit Multitasking und Schlafmangel verloren, der Verlust der psychosozialen Selbstkontrolle sei bei Führungskräften besonders ausgeprägt: Sechsmal so häufig wie üblich sei der Homo oeconomicus mit Leitungsfunktion im Arbeitsbetrieb ein Homo psychopathicus.

Für ein „Gebot des Nichthandelns“ plädierte daher der Arzt und Daoist Johannes Hickelsberger. Eine Selbstdisziplinierung, die noch zu steigern wäre von der buddhistischen Geisteshaltung des „Nichtdenkens“, gleichsam die vierte und damit größtmögliche Versenkung in der buddhistischen Tradition der Meditation. Peter Riedl, Arzt und Präsident der österreichischen Buddhistischen Religionsgesellschaft, hält es jedenfalls für eine gebotene Option der Stressvorsorge und -behandlung: „Unser Geist muss leerer werden.“

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