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Alternde Risikogesellschaft : Die Corona-Pandemie verschärft den Generationenkonflikt

  • -Aktualisiert am

Großeltern sind wertvoll für den Zusammenhalt der Familie. Bild: obs

Wird das Corona-Virus der große Gleichmacher? Wird die Bedrohung durch den Erreger die Gesellschaften enger zusammenrücken lassen? Nein, sagen Soziologen: Die Corona-Pandemie verschärft den Generationenkonflikt.

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          Die Soziologie könnte angesichts der aktuellen Krise sagen: Das haben wir doch schon lange gewusst! Die Gesellschaft ist heute die Weltgesellschaft. Es gibt keine nationalen Gesellschaften mehr, wir sind alle untrennbar miteinander verbunden. Für diese Einsicht hätte es die Corona-Pandemie gar nicht benötigt. Aber natürlich wäre es völlig verfehlt, die bestehenden Ungleichheiten der nationalstaatlich verfassten Gesellschaften deshalb außer Acht zu lassen. Das gilt sowohl für die Ungleichheiten zwischen den Gesellschaften als auch in ihnen. Die Frage, die wir der Soziologie stellen sollten, ist darum: Wird das Virus der große Gleichmacher? Wird die Bedrohung durch den Erreger die Gesellschaften „enger zusammenrücken lassen“, wie man jetzt überall lesen kann? Oder wird diese globale Krise mit gnadenloser Schärfe noch deutlicher machen, was „die Menschen“ unterscheidet?

          Wahrscheinlich hat kein deutscher Soziologe früher als Ulrich Beck die Konturen der neuen Risikogesellschaft beschrieben. Schon 1986 warnte Beck, Gefahren würden jetzt „zu blinden Passagieren des Normalkonsums. Sie reisen mit dem Wind und mit dem Wasser, stecken in allem und in jedem und passieren mit dem Lebensnotwendigsten – der Atemluft, der Nahrung, der Kleidung, der Wohnungseinrichtung – alle sonst so streng kontrollierten Schutzzonen der Moderne.“ Beck brachte damals die neue Logik der Verteilung in der Risikogesellschaft auf eine ungeheuer eingängige Formel: „Not ist hierarchisch, Smog ist demokratisch.“ Der Smog, also verallgemeinert unsere Belastung durch Umweltgifte, treffe jeden gleich, egal ob reich oder arm. Insofern sei er „demokratisch“, das Risiko der Erkrankung durch die ökologischen Belastungen der Industriegesellschaft egalisiere also die natürlich fortbestehende soziale Ungleichheit. Im Vordergrund also das gemeinsame horizontale „Gefährdungsschicksal“ der Risiken, im Hintergrund die alten vertikalen Schichtungen nach Einkommen, Bildung und Besitz: Ist Becks Klassiker nicht der Text der Stunde? Ist Corona demokratisch?

          Die fachlichen Einwände gegen die „Risikogesellschaft“ waren schon in den 80er-Jahren zahlreich. Der zentrale Vorwurf war, dass Beck zwei Logiken der sozialen Ungleichheit behauptete, wo es eigentlich immer nur eine gab: die alte Schichtung nach Einkommen und Bildung nämlich. Natürlich träfen Umweltbelastungen uns alle zunächst gleich – immerhin ereignete sich im Erscheinungsjahr von Becks Bestseller die Katastrophe von Tschernobyl.

          Ignoranz gepaart mit jugendlicher Unbekümmertheit

          Doch wer kann sich vor den Folgen solcher Ereignisse besser schützen? Wer über das dafür nötige Einkommen und die angemessene Bildung verfüge, so Becks Kritiker. Und natürlich wer aufgrund seiner physischen Verfassung ohnehin bessere (Über-)Lebenschancen habe. Der Hintergrund der alten sozialen Schichtung sei also gar nicht Hintergrund, er sei nach wie vor der Untergrund der Gesellschaft. Springen wir damit in die Gegenwart und zu Corona: Verblendet der dramatische Anblick des Vordergrundes der Krise unseren Blick auf die tatsächlichen sozialen Auseinandersetzungen, deren Kommen diese Krise ankündigt?

          Die öffentliche Empörung über die „Corona-Partys“ einiger junger Menschen sollte uns nicht vorgaukeln, dass es sich dabei nur um jugendliche Unbekümmertheit oder schlichte Ignoranz handelt. Die medizinstatistische Dauerbeobachtung der Epidemie liefert den Jüngeren, die jetzt wegen Schulschließungen ohnehin nichts zu tun haben, durchaus Gründe zur Frage, was sie das eigentlich angehe: Die Dramatik der Krise wird schließlich mit der Mortalität des Virus begründet. Doch das Durchschnittsalter der bisher an Corona Verstorbenen liegt in Deutschland bei über 80 Jahren. Die Altersstruktur der positiv Getesteten dagegen entspricht schon eher jener der Gesellschaft. Es kann also ganz mit Beck zwar jeden treffen, aber die tödliche Gefährdung scheint sich im Wesentlichen an der Spitze der Alterspyramide zu konzentrieren.

          Corona verschärft damit ein grundsätzliches Problem alternder Gesellschaften: Die ethische und politische Übereinkunft einer grundsätzlichen Gleichheit und Gleichwertigkeit aller Gesellschaftsmitglieder muss stärker sein als deren gleichzeitig beobachtbare reale Ungleichheit. Wenn die Menschen immer älter werden, wird die Garantie ihrer Gesundheitsversorgung immer teurer. Wenn der ältere und nicht mehr produktive Anteil der Gesellschaft immer größer wird im Verhältnis zum jüngeren, wird er auch immer mehr Anteile am gesellschaftlich verteilbaren Wohlstand für sich beanspruchen.

          Ob für seine Grundbedürfnisse, seine Freizeitgestaltung und Urlaube oder für die Bekämpfung schwerer Gesundheitskrisen. Dieses Missverhältnis von Produktion und Konsumtion wird die Solidarkräfte der Gesellschaft unter eine wachsende Spannung setzen. Der Generationenvertrag wird nur halten, wenn die Beteiligung der Älteren am produktiven Kern der Gesellschaft auch für die Jüngeren erfahrbar bleibt. Und dieser Kern ist eben nach wie vor im Wesentlichen die Erwerbstätigkeit, die alte Welt der Arbeit.

          Ulrich Beck: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt 1986

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