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Soziale Systeme : Der Segen der Kirche

Keine Cousine: Kaiser Heinrich VI. heiratete im Jahr 1186 Konstanze von Sizilien, die Tochter des dortigen Normannenkönigs. Diese Darstellung entstand etwa 200 Jahre später. Bild: Picture-Alliance

In der westlichen Welt sind die Leute seltsam. Und nun liegt das auch noch am Katholizismus.

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          Vor neun Jahren prägte der heute in Havard lehrende Anthropologe Joseph Henrich das Akronym WEIRD für „western, educated, industrialized, rich and democratic“. Angehörige einer Gesellschaft, die in diesem Sinne „weird“ ist, unterschieden sich demnach in einigen psychologischen Eigenarten signifikant vom Rest der Menschheit.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nun hat Henrich zusammen mit dem Ökonomen Jonathan Schulz von der George Mason University in Fairfax, Virginia, sowie zwei weiteren Forschern in Science eine Arbeit vorgelegt, in der sie jene Weirdos anhand von 24 verhaltenspsychologischen Messgrößen genauer charakterisieren: Westeuropäer und ihre kulturellen Verwandten in Übersee sind demnach individualistischer und unabhängiger als Menschen anderer Abstammung. Sie denken analytischer, sind aber eher geneigt, Fremden zu vertrauen und sich ihnen gegenüber fair zu verhalten. Zugleich sind sie in geringerem Maße bereit, sich unterzuordnen, und neigen, wenn sie entsprechende Positionen bekleiden, weniger dazu, bei der Vergabe von Posten oder Geldmitteln die eigene Verwandtschaft zu bevorzugen.

          Frecher und fremdenfreundlicher

          Schulz, Henrich und Kollegen geben sich sichtlich Mühe, über den Umstand hinwegzusehen, dass viele dieser Merkmale eher als Vorzüge bewertet werden können. Analytisch fragen sie stattdessen nach dem Grund für diese Disposition. Die Deutlichkeit, mit der sie die Frage beantworten konnten, hat sie am Ende selbst überrascht, wie sie auf einer Pressekonferenz am vergangenen Dienstag bekundeten: Nach Kompilation und Sichtung umfangreicher Datensätze fanden sich Korrelationen zwischen den Weirdness-Indikatoren und dem Ausmaß, in dem die jeweils angestammte Heimat zwischen dem fünften und dem fünfzehnten Jahrhundert unter dem Einfluss der katholischen Kirche stand.

          Wie aber soll die mittelalterliche Kirche die Europäer, Amerikaner oder Australier von heute tendenziell frecher und fairer gemacht haben? Das konnten die Forscher ebenfalls beantworten. Sie fanden nämlich eine Antikorrelation zwischen der Weirdness eines Menschen und dem Ausmaß, in dem in seinem Herkunftsgebiet die Heirat unter Verwandten üblich war oder noch ist. Und wie sich ebenfalls zeigte, ist Verwandtenheirat in einer Region umso weniger üblich, je länger sie katholisch geprägt wurde.

          Kernfamilie statt Clan

          Tatsächlich ist die lateinische Kirche seit der Spätantike immer energischer gegen das Verheiraten von Onkeln mit Nichten, Cousins mit Cousinen und später auch entfernterer Verwandten vorgegangen. Zwangsverheiratungen wurden kirchlich untersagt, die Freiheit der Partnerwahl propagiert und Neuvermählte dazu angehalten, einen eigenen Hausstand zu gründen. Dies aber zerstörte eine Form gesellschaftlichen Zusammenlebens, die seit der Jungsteinzeit nicht nur in Europa die Norm gewesen war: den Clan.

          Für die Ackerbau und Viehzucht betreibenden Kulturen war die arrangierte Verwandtenheirat immer ein probates Mittel gewesen, um den Besitz zusammenzuhalten und eine enge Kooperation im Familienverband sicherzustellen. Der Nebeneffekt aber, so erklären es sich Joseph Henrich und Kollegen, war ein Primat des Clans, der seine Mitglieder zur Konformität anhielt und zum Gehorsam gegenüber den Familienältesten. Zum Selbstdenken wurde man dabei eher weniger ermuntert, dafür zum Misstrauen gegenüber allen, die nicht zur Familie gehören.

          Der Rest ist Darwin

          Diese Welt ging nun als Folge der kirchlichen Politik unter. An die Stelle der Clans trat die Kernfamilie aus den von ihren Elternhäusern zunehmend abgenabelten Eheleuten und deren Kindern sowie neue, der Idee nach auf Freiwilligkeit beruhende Kollektive wie zum Beispiel Klöster oder Zünfte. Und an diese neue Welt waren Individualisten, die über die Familie hinausdenken und auf Loyalität zu ihrer Gruppe auch schon mal pfeifen konnten, offenbar besser angepasst. Den Rest erklärt Darwin.

          Den Einwand, Korrelationen beweisen noch keine Kausalitäten, können die Autoren nicht völlig entkräften. Aber sie haben erheblichen Aufwand getrieben, durch Vergleiche auf regionaler Ebene alle denkbaren Alternativerklärungen auszuschließen. Solange also niemand die angeführten Korrelationen auf andere Weise erklären kann, bleibt der Ursprung der Weirdness aus einer clanfeindlichen katholischen Familienethik plausibel. Dass der Mechanismus dahinter ein evolutionärer ist, könnte zum Rassismus neigende Zeitgenossen dazu verführen, Weirdness genetisch zu deuten. Doch wenn beim Menschen Verhaltensweisen vorteilhaft werden und dadurch die Oberhand gewinnen, müssen die nicht in der DNA stecken. Im vorliegenden Fall macht die relativ kurze Zeit von 1500 Jahren, in denen die Selektion ihre Wirkung entfaltete, eine rein kulturelle Transmission der Weirdness viel wahrscheinlicher, und alles Schwadronieren über eine Überlegenheit der weißen Rasse bleibt so bar jeder wissenschaftlichen Grundlage, wie es immer schon war. Das „W“ in WEIRD steht ja eben genau nicht für „weiß“.

          Literatur

          Jonathan F. Schulz, Duman Bahrami-Rad, Jonathan P. Beauchamp und Joseph Henrich, „The Church, intensive kinship, and global psychological variation“, Science 6466, 707, 8. November 2019.

           

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