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Soziale Systeme : Vertrauen und Gottvertrauen

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Morgennebel vor der Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt (r) und der Kreuzkirche in Haindling: Wer an diese Institutionen, vor allem aber an Gott glaubt, soll Forschern zufolge auch allgemein weniger misstrauisch sein. Bild: dpa

Wer Gott nicht traut, erwartet auch von seinen Mitmenschen nichts Gutes – sagen zumindest einige Wissenschaftler aus Amerika. Dort haben sie untersucht, welchen Einfluss Religion auf unsere Fähigkeit, zu vertrauen, hat.

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          Eine soziale Ordnung ohne Vertrauen ist kaum vorstellbar. Es muss bereits für einfache Interaktionssituationen und erst recht für komplexe Handlungsketten vorausgesetzt werden: Man käme nicht weit, wenn man stets befürchten müsste, dass andere sich nicht an Abmachungen halten – oder gar, dass sie nicht diejenigen sind, die zu sein sie vorgeben. Natürlich darf und muss auch kontrolliert werden.

          Doch Kontrolle kann Vertrauen nicht vollständig ersetzen, weil sie Zeit und Energie beansprucht und dadurch auf die Dauer zu kostspielig wird. Vertrauen ist, wie der Soziologe Niklas Luhmann betont hat, immer eine „riskante Vorleistung“: Wer vertraut, macht sich abhängig vom zukünftigen Handeln eines anderen Individuums, das die Erwartungen erfüllen, aber auch enttäuschen kann. Erfahrung kann hilfreich sein, auch wenn sie das Risiko nicht aus der Welt schaffen kann. Deshalb ist Vertrauen in konkrete Personen, „partikularistisches“ Vertrauen, weniger voraussetzungsvoll als „generalisiertes“ Vertrauen, das auch Unbekannte und Fremde mit einschließt.

          Universalistische Moralvorstellungen in der Religion

          Sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Studien zeigen, dass es einen wesentlichen Einfluss auf die Lebensqualität und auf die wirtschaftliche Entwicklung hat, ob man generalisiertes Vertrauen erwarten kann. Es ist deshalb von Interesse, wovon die Entstehung und Stabilisierung von Vertrauen abhängt. Zu den Faktoren, die hier eine Rolle spielen, gehören historische und kulturelle Besonderheiten sowie nicht zuletzt religiöse Überzeugungen.

          Die Religion kann auf zweierlei Weise einen Einfluss darauf haben, ob man anderen vertraut: Einerseits fördert die regelmäßige Interaktion mit Gleichgesinnten in Religionsgemeinschaften die Institutionalisierung moralischer Verpflichtungen und damit das wechselseitige Vertrauen. Die Einbindung in religiöse soziale Beziehungen kann sich demnach positiv auf das partikularistische Vertrauen auswirken, aber eher weniger auf das generalisierte Vertrauen jenseits der eigenen Gemeinschaft. Andererseits können Religiosität und Gottesglaube auch einen positiven Einfluss auf das allgemeine Vertrauen haben: Die meisten Religionen vertreten eine universalistische Moral, für die Würde und Anstand nicht an den Grenzen der eigenen Gemeinschaft enden.

          Inwiefern Vertrauen durch Religion unterstützt oder limitiert wird, hat nun ein Team amerikanischer Soziologen anhand der Daten eines Surveys zu religiösen Einstellungen in den Vereinigten Staaten untersucht. Ihr Interesse gilt der Frage, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen Vertrauen und den Einstellungen zu Gott. Alle Religionen vermitteln eine Vorstellung davon, mit was für einem Gott man zu rechnen hat: Zum Beispiel kann er in den Schriften als gutmütig und geduldig oder als strafend und ungnädig dargestellt werden. Darüber hinaus ist es den Gläubigen möglich, individuelle Vorstellungen ihrer Beziehung zu Gott zu entwickeln.

          Sind ungläubige Menschen misstrauischer?

          Die Studie beschäftigt sich mit der Frage, wie die Befragten ihr Verhältnis zu Gott beschreiben (zum Beispiel als zuversichtlich oder ängstlich) und was daraus für ihre Einstellung zu Vertrauensfragen folgt. Dass Gott überhaupt in dieser Weise als Teil einer sozialen Beziehung aufgefasst werden kann, mag Ungläubigen unverständlich sein. Es entspricht aber durchaus der üblichen religiösen Praxis, Gott als ansprechbar und vor allem als beobachtungsfähig zu begreifen. Insofern die Gläubigen angehalten sind, mit Gott zu kommunizieren, können sie sich auch eine persönlich gefärbte Verbindung mit ihm vorstellen.

          Ausgehend von der Annahme, dass ein positiv gefärbtes Verhältnis zu Gott sich in einem höheren Vertrauensniveau niederschlagen sollte, konzentriert sich die Analyse auf den umgekehrten Fall: Mindert eine ambivalente oder negative Einstellung zu Gott die Neigung, anderen Menschen zu vertrauen? Die Autoren unterscheiden zwischen einem „ausweichenden“ und einem „ängstlichen“ Beziehungsstil: Im ersten Fall wird Gott als distanziert und unnahbar, im zweiten Fall als inkonsistent und schwer berechenbar erlebt.

          In beiden Fällen zeigt sich ein negativer Zusammenhang sowohl mit partikularistischem als auch mit generalisiertem Vertrauen: Wer Gott nicht traut, misstraut auch Fremden, ebenso wie Kollegen und Nachbarn. Ein ängstliches Verhältnis zu Gott erweist sich dabei als robuster, wenn beide Varianten zusammen berücksichtigt werden. Dahinter steht das Bild eines strafenden und zornigen Gottes, das – im Gegensatz zu dem eines gutmütigen Gottes – die Vertrauensbereitschaft im Diesseits offenbar deutlich senkt.

          Der Zusammenhang ist für die Religionssoziologie nicht überraschend, insofern sie die Religion als Abbild der Gesellschaft begreift. Dementsprechend führt wohl nicht die Gottesfurcht zum Misstrauen gegen andere, sondern vielmehr wird die Enttäuschung über den Nachbarn, der das geliehene Geld nicht zurückzahlt, auf einen Gott projiziert, der sich um die eigenen Probleme zu wenig schert.

          Über die Publikation

          Bradshaw, Matt; Kent, Blake Victor; Henderson, W. Matthew; Setar, Anna Catherine (2019): Attachment to God and social trust. In: Sociological Perspectives 27 (4), DOI: 10.1177/0731121419870775.

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