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Kooperation statt Konkurrenz : Diplomaten im Rettungsdienst

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Feuerwehren und Rettungsdienste arbeiten stets zusammen, die richtigen Strukturen sind für eine gelungene Kommunikation allerdings wichtig. Bild: dpa

Wenn Sanitäter, Feuerwehrmänner und Notärzte sich im Einsatz im Weg zu stehen drohen, können klare Hierarchien helfen. Zu diesem Ergebnis kommt ein Soziologe, der die Strukturen der Rettungsdienste jetzt analysiert hat.

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          Nicht ohne Grund sagt man dringenden Notlagen und großen Katastrophen eine entdifferenzierende Wirkung nach. Wenn es Minuten sind, die über Leben und Tod entscheiden, dann finden sich auch Fernstehende und Fremde zur Hilfe aufgerufen. An einem Schwerverletzten, der andernfalls sterben würde, darf sich, in eng umschriebenen Grenzen, auch der Laie als Mediziner versuchen. Und wenn die Zahl der Toten und Verletzten in die Tausende geht, dann finden sich auch die ehemaligen Kriegsgegner zu Gesten der Solidarität disponiert. Für die Gesellschaft mag diese Auffassung zutreffen, aber für die Organisationen, die sich in ihr bilden, muss sie nicht unbedingt gelten.

          Im Grenzgebiet zweier Gemeinden brach einst ein Waldbrand aus. Das sofortige Ausrücken der Feuerwehr unterblieb jedoch, weil die beiden Bürgermeister sich nicht einigen konnten, wer dafür zuständig sei. Das Kompetenzgerangel zog sich hin. Erst nachdem die Ausbreitung des Feuers klargestellt hatte, dass beide Gemeinden betroffen sind, konnte man sich auf ein gemeinsames Ausrücken einigen. Niklas Luhmann hat diese Geschichte gerne erzählt, um deutlich zu machen, dass sich die Kooperationsbereitschaft verschiedener Organisationen auch und gerade in Krisenfällen durchaus nicht von selbst versteht. Verantwortungsscheu oder Statusempfindlichkeit stehen der gemeinsamen Nothilfe im Wege.

          Strukturen sind entscheidend

          Der Freiburger Soziologe Nils Ellebrecht hat unlängst eine sehr lesenswerte Untersuchung über die Arbeit der deutschen Rettungsdienste vorgelegt. Verschiedene Kategorien von teils organisierten, teils selbständigen Rettern müssen sich hier einer einheitlichen, nur für den Einsatz selbst geltenden Führungsstruktur unterordnen, was offenbar alles andere als einfach ist. So hören die Feuerwehrleute auf den Mann vom Rettungsdienst nur dann, wenn er ehrenhalber eine Feuerwehruniform trägt und sie in zufriedenstellender Frequenz anbrüllt.

          Wie Ellebrecht anhand von Daten aus Interviews, Umfragen und eigener Beobachtung zeigt, konzentrieren sich die Konflikte zwischen den Feuerwehrleuten und den Notärzten. Bei einer Übung etwa musste man wählen: Sollen die Notärzte mitsamt ihrer Ausrüstung von unten nach oben vordringen, wo eine größere Gruppe von Verletzten auf Behandlung wartete, auch wenn sie durch diesen Umzug eine enge Treppe blockieren? Oder würde es nicht ausreichen, die wenigen Schwerverletzten von oben nach unten zu transportieren und so den einzigen Verkehrsweg zwischen den beiden Etagen des betroffenen Gebäudes offen zu halten, auch wenn das den anderen Verletzten längere Wartezeiten zumutet? Der Konflikt zwischen dem leitenden Notarzt, der zugunsten dieser Patienten argumentierte, und dem lokalen Sprecher der Feuerwehr, für den die uneingeschränkte Mobilität der Helfer den Vorrang hatte, wurde am Ende in dessen Sinne entschieden.

          Kooperation ist der Schlüssel zum Erfolg

          Das Protokoll der Kontroverse lässt erkennen, dass der leitende Arzt, der diesmal das Nachsehen hatte, die Sache mit Fassung trug. Wie Ellebrecht zeigt, war das kein Zufall: Beide Führungsrollen wurden eigens geschaffen, um härtere Konflikte zwischen den technischen und den medizinischen Rettern zu vermeiden. Sie sollen daher mehr Verständnis für die Perspektive der jeweils anderen Seite aufbringen, als ihre jeweiligen Untergebenen es haben. Wenn diese Rechnung am Ende aufging, dann liegt das Ellebrecht zufolge auch daran, dass die beiden Quasi-Diplomaten nicht nur einmal, sondern bei vielen Einsätzen und Übungen immer erneut kooperieren müssen. Unter einem solchen Gesetz des Wiedersehens können sie an einer dauerhaften Verfeindung ihres Partners kein Interesse haben, und das erzieht auch den Eigensinnigen zur Kompromissbereitschaft.

          Die kleine Szene macht ein Zentralproblem solcher Einsätze deutlich: die einen Verletzten zugunsten von anderen warten zu lassen, auch wenn dies den Zustand und die Behandlungschancen der Wartenden durchaus nicht verbessert. Die Feuerwehrleute haben mit solchen Priorisierungen keine ernsthaften Probleme. Ihre Organisation gibt ihnen auf, die Schwerverletzten mit dringendem Behandlungsbedarf zu bevorzugen, und dieses Programm wird zuverlässig, weil ohne viel Einfühlung in die dadurch Benachteiligten, ausgeführt. Den Notärzten dagegen liegt die utilitaristische Ethik, der dieses Sortierverfahren folgt, einigermaßen fern. Als professionelle Praktiker identifizieren sie sich mit dem Wohl eines isoliert gedachten Patienten. Deshalb beginnen sie nicht selten, sich um den nächstbesten Verletzten zu kümmern, auch wenn dies den Betrieb aufhält.

          Und auch mit der Zumutung, in den mehr oder minder aussichtslosen Fällen auf das letzte Mittel Reanimation zu verzichten, wenn dadurch die Aussichten für andere besser werden, tun sie sich schwer – und zwar deutlich mehr als die leitenden Notärzte, die auch hier wieder, wie Umfragedaten Ellebrechts zeigen, den Feuerwehrleuten näherstehen als ihre Untergebenen.

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