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Anschläge : Bombenangst im Tunnel

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Es geht im weiteren darum, die Menschen möglichst gut vor den Auswirkungen der Bomben zu schützen. „In unmittelbarer Umgebung einer Explosion hat man keine Chance“, sagt Gebbeken. Aber jeder Meter Abstand kann schon helfen. Vorausgesetzt, das Bauwerk ist gerüstet. „Leider sind umherfliegende Gegenstände auch in der Entfernung noch gefährlich“, sagt Gebbeken. Deswegen muss man von vornherein vermeiden, dass Glas splittert, Beton aufreißt, Gegenstände nicht hinreichend verankert sind. Das schafft man mit Sicherheitsglas und mit Beton, der spezielle Fasern enthält, etwa aus Stahl.

Risiken abschätzen

Auch in den Wagen kann man die Folgen einer Explosion abmildern. Hier wird es aber komplizierter, man muss abwägen. Man kann die Bahnen zum Beispiel in viele kleine Abschnitte unterteilen. „Man möchte verhindern, dass die Explosion auf zu große Bereiche wirkt“, sagt Gebbeken. Doch das bedeutet möglicherweise, dass in dem Abschnitt, in dem die Explosion stattfindet, die Wirkung stärker ist. „Es kommt auf die Risikobetrachtung an, in welchem Fall wie viele Personen betroffen sein können.“

Die Analyse der Statik ist nur ein Teil des Projekts. Die Forscher untersuchen auch, wie sich Rettungskräfte und Menschen im Notfall verhalten. Daraus wollen sie Empfehlungen und Einsatzpläne ableiten.

Sensoren sollen Anschläge erkennen

Außerdem sollen die unterirdischen Bauwerke eine Art technisches Bewusstsein bekommen: Die U-Bahn-Systeme sollen automatisch erkennen, ob und wann ein Anschlag passiert ist. Dafür entwickelt Scott Kempf mit seinen Kollegen vom Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik in Freiburg ein Sensornetzwerk. Am Ende des Projekts soll diese Technik in der Berliner U-Bahn testweise zum Einsatz kommen.

Notausgänge - in dieser U-Bahn-Haltestelle in Frankfurt noch analog beschildert

Die Fraunhofer-Forscher haben Anschläge aus den vergangenen Jahrzehnten analysiert und überprüft, welche Taktiken dabei am häufigsten zum Einsatz kommen und welche den größten Schaden anrichten. Sie kamen zu dem Schluss, dass Bombenanschläge zwar am häufigsten sind, Brandstiftung im Untergrund jedoch zu mehr Opfern führt. „Im Untergrund kann der Rauch sich nicht so einfach verziehen, er ist ziemlich konzentriert, und das birgt eine große Gefahr“, sagt Kempf.

Leuchtdioden könnten den Ausweg weisen

Aus dieser Bedrohungsanalyse haben die Forscher Anforderungen für Sensoren erarbeitet. Sie können beispielsweise erkennen, ob sich Wasser am Boden sammelt, was etwa bei Erdbeben wichtig ist. An den Wänden und Decken sollen die Sensoren nach Rauch fahnden und den Druck messen. Weil sie miteinander kommunizieren, können sie aus den einzelnen Messungen die Ausbreitung einer Druckwelle berechnen. So kann das System automatisch erkennen, wo sich eine Explosion zugetragen hat, und sofort Fluchtwege berechnen. „Die Sensorknoten könnten dann Leuchtdioden haben, die mit grünem Licht zum Ausweg weisen und mit rotem Licht deutlich machen: Hier nicht entlang“, erläutert Kempf.

Besonders wichtig wäre bei einem solchen Netzwerk, dass es energieautark funktioniert. Jeder Sensorknoten könnte Strom mit Hilfe des Fahrtwindes generieren, den die durchfahrenden U-Bahnen erzeugen. Oder er könnte Energie aus den Vibrationen der Schienen schöpfen. Das Netzwerk würde unabhängig von anderen Systemen der U-Bahn arbeiten. Vor allem aber wäre es nachrüstbar. So könnte man auch U-Bahnen schützen, deren Baumeister sich noch keine Gedanken über Bomben machen mussten.

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