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Tausend Folgen „Tatort“ : Was macht den „Tatort“ zur beliebtesten Serie der Deutschen?

  • -Aktualisiert am

Bilder, die praktisch jeder kennt: Motiv aus dem „Tatort“-Vorspann Bild: WDR

„Daddaa, daddaa, da, da, da, da, da“: Diese Töne kennt jeder im Schlaf. An diesem Sonntagabend erklingen sie zum tausendsten Mal. Medienwissenschaftler erklären, was den „Tatort“ so beliebt macht.

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          Diesmal dauert es zwölf Minuten bis zur ersten Leiche. Das ist für den „Tatort“ ein hoher Wert, im Schnitt wird in Deutschlands populärster Krimireihe schon nach sechs Minuten gestorben. Ungewöhnlich ist der Wert aber nicht. Es gab Fälle in der 46 Jahre währenden „Tatort“-Historie, in denen der Tod mehr als zwanzig Minuten auf sich warten ließ.

          Jedenfalls sieht die Jubiläumsausgabe einen ungewöhnlichen Tathergang vor: Das Opfer, ein Mann höheren Alters, stirbt überraschend; der Täter, ein junger Mann aus der Mittelschicht, tötet ihn vor den Augen von Ermittlern und Zuschauern. Ermüdende „Wo waren Sie gestern Abend“-Fragen bleiben dadurch allen erspart.

          Das letzte wirklich große Fernsehereignis

          Tatort des Verbrechens ist ein Taxi, das wie in der ersten Folge im Jahr 1970 nach Leipzig unterwegs ist. Die Erzählung dieser Folge ist ein Kammerspiel, auf der engen Rückbank sitzen als zufällige Zeugen die gefesselten NDR-Kommissare Lindholm und Borowski. Sie werden in größter Gefahr und unter großem Druck mit ihrer eigenen Schuld und Angst konfrontiert. Motiv und Absichten des Täters bleiben lange unklar.

          Es ist unwahrscheinlich, dass gewöhnliche „Tatort“-Gucker auf solche Details bewusst achten. Für viele genügt bereits der immer gleiche Dreiklang Mord, Ermittlung, Aufklärung, um sich jeden Sonntagabend zu einer festen Zeit vor dem Fernseher einzufinden. Das allein erklärt allerdings weder den außergewöhnlichen Erfolg des „Tatorts“ noch seinen mit der Zeit erworbenen Kultstatus. Es muss noch mehr Gründe dafür geben, dass der „Tatort“ - neben Fußball-Länderspielen - das letzte wirklich große Fernsehereignis der Deutschen ist und Einschaltquoten unter zehn Millionen bereits schlechte Laune bei den Senderchefs auslösen.

          Bildungsfernsehen mit dem Holzhammer

          Mittlerweile fahnden auch Wissenschaftler an der Erfolgsformel des Formats. Einer, der sie knacken will, ist der Karlsruher Literaturwissenschaftler Stefan Scherer. Wenn Scherer den „Tatort“ anschaut, notiert er zunächst statistische Daten. Wann und wie der erste Mord geschieht, ob und wann weitere Figuren dran glauben müssen, aus welchem Motiv der Täter tötet, welcher sozialen Schicht er entstammt und ob er am Ende auch überführt wird. Zudem achtet Scherer auf die Bildästhetik, auf typische Erzählweisen, Dramaturgie und Dialoge, das Privatleben der Ermittler und darauf, ob die Handlung ein Familiendrama oder Gesellschaftskritik vorsieht.

          Den „Tatort“ vom vergangenen Sonntag fand Scherer ziemlich öde. Der Kieler Fall mit Borowski drehte sich um die Anwerbung Jugendlicher zum „Islamischen Staat“. Das sei Bildungsfernsehen mit dem Holzhammer, sagt er. Sozialkritische Themen würden ihm zu häufig als televisuelle Leitartikel vorgetragen. Ihn faszinieren mehr unorthodoxe Plots, fantasierende Figuren wie Felix Murot (Ulrich Tukur) oder der zähneputzende Psychopath im Borowski-„Tatort“ (Lars Eidinger). „Natürlich muss es auch Lena Odenthal geben“, sagt er. Doch das ist nur seine Privatmeinung.

          Eine Reihe mit linksliberalem Drall

          Drei Jahre lang hat Scherer zusammen mit zwei Kollegen streng wissenschaftliche Analysen erarbeitet. Vierzig Jahre „Tatort“ umfasst das Korpus der drei Wissenschaftler, etwa fünfhundert Folgen haben sie sich dafür angesehen. Bei neunzig Minuten pro Folge entspricht das anderthalb Spielzeiten Bundesliga in Endlosschleife. Auf Grundlage dieser Analysen ist vor zwei Jahren ein Buch erschienen („Föderalismus in Serie“, Verlag Wilhelm Fink). Es ist das bislang dichteste Werk über den „Tatort“, über das, was er über uns erzählt und wie er die Geschichte der Bundesrepublik mitschreibt.

          „Populäres Fernsehen war lange Zeit nicht wissenschaftsfähig“, sagt Scherer. Dazu sei es zu flüchtig und zu trivial und die Beschäftigung damit nicht karrierefördernd. Im Gegensatz zum permanenten Gezwitscher und Geplapper in den sozialen Medien heute war der „Tatort“ in seinen Anfangsjahren kein Thema, über das man sprach. Wenn schon Fernsehen, dann bitte schön Bildung. Der inzwischen pensionierte Erzählforscher Jochen Vogt von der Universität Duisburg-Essen war wohl der Erste, der sich wissenschaftlich mit dem „Tatort“ beschäftigt hat. Er ist ein Zuschauer der ersten Stunde, für ihn ist die Serie ein Stück miterlebte Zeitgeschichte, der „wahre deutsche Gesellschaftsroman“. Neben den unterschiedlichen Handschriften der Sendeanstalten, der Experimentierfreudigkeit und der Bildästhetik registriert er vor allem den linksliberalen Drall der Reihe. Der Kölner Medienwissenschaftler Dietrich Leder sieht das genauso. Der „Tatort“ richte sich an eine „bildungsbürgerlich geprägte, politisch sich links verstehende Mittelschicht“. Das wiederum bedeutet: Es herrscht bei Machern und Zuschauern Konsens über bestimmte gesellschaftliche Themen. Die Kommissare sollen Vorbilder sein, sie würden also niemals für Todesstrafe einstehen. Oder mit einem Rassisten wie Trump sympathisieren. AfD-Wähler könnten dieser Theorie zufolge im „Tatort“ ein weiteres Beispiel für die Medienverschwörung sehen.

          Der Publikumsgeschmack des Jahres 1965

          Der Aufstieg des Krimis im deutschen Fernsehen begann Mitte der fünfziger Jahre. Richtig erfolgreich waren aber erst Straßenfeger wie „Stahlnetz“ (1958 bis 1968). Erstmals kam die Gewalt in die Wohnzimmer. Der Anspruch der ARD war ein journalistisch-dokumentarischer. Echte Fälle wurden von Schauspielern inszeniert. Das ZDF hingegen setzte früh auf eine literarisch-fiktionale Ausrichtung. Einschaltquoten von mehr als siebzig Prozent waren nicht ungewöhnlich.

          Den damaligen Publikumsgeschmack zeigt eine Umfrage von 1965. Unbeliebt waren Parodien oder Kriminalkomödien sowie Geschichten um Bagatellverbrechen. Der Zuschauer wünschte Fairness gegenüber dem Publikum bei der Aufklärung, ein einfaches intellektuelles Niveau, Spannung, den Sieg des Guten sowie eine kleine Dosis Brutalität.

          Von Anfang an als Gegenformat gedacht

          Seltsame „Tatort“-Figuren wie Boerne (Münster), Faber (Dortmund) oder Murot (Wiesbaden) wären vor fünfzig Jahren jedenfalls gefloppt. Den damaligen Ansprüchen der Zuschauer folgte am ehesten „Der Kommissar“ im ZDF, der von 1969 an ermittelte und auch stilbildend für die Serien „Derrick“ und „Der Alte“ war. Der Kriminalbeamte Keller, moralinsauer und konservativ, ermittelte sich durch das verklemmt-biedere Nachkriegsdeutschland, ohne dessen Weltbild zu verletzen. Über den Drehbuchautor Herbert Reinecker, Vielschreiber und ehemaliger NS-Propagandist, schrieb der Spiegel seinerzeit: „Sein Plot ist von der Raffinesse einer Lotto-Ausspielung, seine Charakterzeichnung kann es mit der Subtilität von ,Was bin ich?‘ aufnehmen, sein Dialog ist so originell wie der Wetterbericht.“

          Der „Tatort“ war von Anfang an als Gegenformat gedacht. Notgedrungen zwar, weil der ARD-Krimi Ende der Sechziger im Sterben lag. Aber mit einem frischen Konzept, das Aktualität, Realismus, Sozialkritik und das Alleinstellungsmerkmal Regionalität vereinte. Letztere nennt sein Erfinder Gunther Witte heute als wesentlichen Grund für die ungeheure Popularität der Reihe. Sie garantiert einen großen Reichtum an Schauplätzen, Kommissarspersönlichkeiten und Storys. Zudem gelingt es auf diese Weise, die Eigenheiten und Stereotype der Städte mit ortstypischen Ermittlerfiguren zu kombinieren, wie es etwa in München Batic und Leitmayr sind, in Münster Thiel und Boerne, in Dortmund Faber und in Wien Eisner und Fellner. Kein Zufall übrigens, dass es den „Tatort“ von Anfang an in Farbe gab.

          Seine Methoden waren vor allem manierlich

          Anfangs jedoch zeichneten die Regionalsender am liebsten einsame Vaterfiguren, deren Privatleben keine Rolle spielte. Der Fall selbst stand im Mittelpunkt, ermittelt wurde korrekt und nach Vorschrift. Die Einführung des unorthodoxen Zollfahnders Kressin gilt als das erste Experiment der Reihe, bei dem versucht wurde, das biedere Grundmuster einer Detektivgeschichte aufzusprengen. Der lässige Einzelgänger ermittelte bundesweit, fuhr Sportwagen, hatte Freundinnen zuhauf und Charisma. Der Medienwissenschaftler Leder sieht ihn rückblickend als Persiflage auf den Geheimagenten James Bond. Aber für solche Mätzchen war das Publikum der siebziger Jahre noch nicht reif. Kressin wurde bald abgesetzt.

          Den repräsentativen Ermittler jener Zeit verkörperte stattdessen der Essener Kommissar Heinz Haferkamp. Er wird, so schreibt der Soziologe und Filmwissenschaftler Christian Hißnauer, in einer Folge fast schon in der Ikonographie Helmut Schmidts mit der Mütze des Lotsen inszeniert. Haferkamp verbindet die „pragmatische Vernunft einer protestantischen Pflichtethik mit den Desillusionierungen der Flakhelfer-Generation“. Sein Einsatzgebiet war vorwiegend der großbürgerliche Essener Süden, seine Methoden waren vor allem manierlich.

          Die Ära des Actionfilms, des Milieus, der Ermittlerteams

          Das änderte sich schlagartig mit dem Auftritt von Schimanski Anfang der Achtziger. Mit ihm war dem WDR das perfekte Gegenmodell zu den korrekten Spießerkommissaren der siebziger Jahre gelungen. Schimanski prügelte sich durch Duisburg, pfiff auf Vorschriften, bedrohte Manager in Nadelstreifen und gab so oft „Scheiße“ von sich, dass die bigotte Moralpolizei der Boulevardblätter Strichlisten führte und sich um das Polizistenbild sorgte. Als kleine Reminiszenz an diese Zeit kann man das „Arschloch“ sehen, das in den aktuellen „Tatort“-Folgen auffallend häufig vorkommt.

          Mit Schimanski begann 1981 die Ära des Actionfilms, des Milieus, der Ermittlerteams (Thanner) und der Serialisierung, ausgelöst im selben Jahr durch die amerikanische „Dallas“-Reihe. Auch das Privatleben der Ermittler und die organisierte Kriminalität nahmen fortan breiteren Raum ein, die Charaktere wurden vielschichtiger, die ehemals klaren Kategorien von Gut und Böse verschwammen. Sozialkritische Themen rückten in den Vordergrund, das Format wurde bunter, wilder, brutaler.

          Früher war weniger Leichenschau

          Mit Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ermittelte 1989 erstmals eine Frau, die im Gegensatz zu ihren zwei Vorgängerinnen die Fälle nicht am Bügelbrett löste. Die Figurenkonzeption sah eine jugendlich-taffe, androgyne und sportliche Kommissarin vor, die bis heute mit großem Eifer gesellschaftlich relevanten Problemen auf der Spur ist. Das wurde in den neunziger Jahren zur Regel. Zum 25. Jubiläum im Jahr 1995 gelang dem Regisseur Dominik Graf mit „Frau Bu lacht“ vielleicht der stärkste „Tatort“ aller Zeiten. Zum ersten Mal griff er das schwierige Thema Kindesmissbrauch und Menschenhandel auf und ließ die Täterin am Ende laufen. Doch ausgerechnet zu dieser Zeit steckte der „Tatort“ in seiner größten Krise, weil die Zuschauer zunehmend ins Privatfernsehen abwanderten. Die ARD reagierte, indem sie jüngere Teams schuf, deren kaputtes Privatleben ausleuchtete und die Ausstrahlfrequenz steigerte. Die Autoren schreiben mehr menschliche Abgründe sowie Action- und Sexszenen in die Drehbücher.

          Ein wesentliches Element des „Tatorts“, nämlich die obligatorische Leichenschau, hat sich im Laufe der Jahrzehnte zu einer zunehmend unappetitlichen Angelegenheit entwickelt, schreibt der Kommunikationswissenschaftler Stephan Völlmicke von der Universität Münster in dem Band „Zwischen Serie und Werk“ (Transcript-Verlag). Die Zahl der Einstellungen, in denen eine Leiche ins Bild rückt, hat sich nicht nur erhöht, die Ermordeten werden heute auch sehr viel direkter und in großer Detailschärfe gezeigt. Der Drehbuchautor Sascha Arango formuliert es so: „Alles, was wir eigentlich nicht erleben wollen, fasziniert uns.“ Schließlich bleibt die Gewissheit, dass alles gut ausgeht und die liebgewonnenen Kommissare am Leben bleiben.

          Regeln brechen, Gewohnheiten durchkreuzen

          In amerikanischen Serien ersetze die Beschäftigung mit den Leichen inzwischen immer mehr die eigentliche Handlung, sagt Stephan Völlmicke. Im „Tatort“ steht hierfür der Rechtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers). Er spielt neben dem Kommissar Thiel (Axel Prahl) eine gleichrangige Hauptfigur und ist mittlerweile wohl die bekannteste „Tatort“-Figur. Die Einführung der Münsteraner Klamauk-Ermittler, die sich für keinen Witz zu schade sind, hat einen weiteren Bruch mit dem einst todernsten Genre herbeigeführt. Das 2003 eingeführte Team hat der „Tatort“-Reihe mit seinen durchaus komischen Dialogen und Slapstickeinlagen erst zu jenem Kultstatus verholfen, den sie heute erreicht hat. Der „Tatort“ ist zu einem Public-Viewing-Ereignis geworden, mit Einschaltquoten, wie sie früher nur „Wetten, dass..?“ hatte.

          Das Schicksal der großen Familienshow mit Thomas Gottschalk ist allerdings auch ein warnendes Beispiel. Will der „Tatort“ erfolgreich bleiben, muss er wohl auch in Zukunft Regeln brechen, Gewohnheiten durchkreuzen, neue Erzählformen zulassen. Einen Schritt in diese Richtung unternimmt bereits das verkorkste Dortmunder Ermittlerteam der Kommissare Faber, Bönisch, Dalay und Kossik. Es folgt dem Trend zur vernetzten Serialität, wie man sie aus britischen und amerikanischen Serien kennt. Die als asozial-sympathisch gezeichnete Hauptfigur Faber, gespielt von Jörg Hartmann, macht im Gegensatz zu den charakterlich weit gefestigteren Odenthals, Leitmayrs und Borowskis im Laufe der Zeit eine Entwicklung durch, die ihn immer häufiger ins Böse verstrickt. Das kann für den „Tatort“ durchaus ein gutes Zeichen sein.

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