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Tausend Folgen „Tatort“ : Was macht den „Tatort“ zur beliebtesten Serie der Deutschen?

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Früher war weniger Leichenschau

Mit Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) ermittelte 1989 erstmals eine Frau, die im Gegensatz zu ihren zwei Vorgängerinnen die Fälle nicht am Bügelbrett löste. Die Figurenkonzeption sah eine jugendlich-taffe, androgyne und sportliche Kommissarin vor, die bis heute mit großem Eifer gesellschaftlich relevanten Problemen auf der Spur ist. Das wurde in den neunziger Jahren zur Regel. Zum 25. Jubiläum im Jahr 1995 gelang dem Regisseur Dominik Graf mit „Frau Bu lacht“ vielleicht der stärkste „Tatort“ aller Zeiten. Zum ersten Mal griff er das schwierige Thema Kindesmissbrauch und Menschenhandel auf und ließ die Täterin am Ende laufen. Doch ausgerechnet zu dieser Zeit steckte der „Tatort“ in seiner größten Krise, weil die Zuschauer zunehmend ins Privatfernsehen abwanderten. Die ARD reagierte, indem sie jüngere Teams schuf, deren kaputtes Privatleben ausleuchtete und die Ausstrahlfrequenz steigerte. Die Autoren schreiben mehr menschliche Abgründe sowie Action- und Sexszenen in die Drehbücher.

Ein wesentliches Element des „Tatorts“, nämlich die obligatorische Leichenschau, hat sich im Laufe der Jahrzehnte zu einer zunehmend unappetitlichen Angelegenheit entwickelt, schreibt der Kommunikationswissenschaftler Stephan Völlmicke von der Universität Münster in dem Band „Zwischen Serie und Werk“ (Transcript-Verlag). Die Zahl der Einstellungen, in denen eine Leiche ins Bild rückt, hat sich nicht nur erhöht, die Ermordeten werden heute auch sehr viel direkter und in großer Detailschärfe gezeigt. Der Drehbuchautor Sascha Arango formuliert es so: „Alles, was wir eigentlich nicht erleben wollen, fasziniert uns.“ Schließlich bleibt die Gewissheit, dass alles gut ausgeht und die liebgewonnenen Kommissare am Leben bleiben.

Regeln brechen, Gewohnheiten durchkreuzen

In amerikanischen Serien ersetze die Beschäftigung mit den Leichen inzwischen immer mehr die eigentliche Handlung, sagt Stephan Völlmicke. Im „Tatort“ steht hierfür der Rechtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers). Er spielt neben dem Kommissar Thiel (Axel Prahl) eine gleichrangige Hauptfigur und ist mittlerweile wohl die bekannteste „Tatort“-Figur. Die Einführung der Münsteraner Klamauk-Ermittler, die sich für keinen Witz zu schade sind, hat einen weiteren Bruch mit dem einst todernsten Genre herbeigeführt. Das 2003 eingeführte Team hat der „Tatort“-Reihe mit seinen durchaus komischen Dialogen und Slapstickeinlagen erst zu jenem Kultstatus verholfen, den sie heute erreicht hat. Der „Tatort“ ist zu einem Public-Viewing-Ereignis geworden, mit Einschaltquoten, wie sie früher nur „Wetten, dass..?“ hatte.

Das Schicksal der großen Familienshow mit Thomas Gottschalk ist allerdings auch ein warnendes Beispiel. Will der „Tatort“ erfolgreich bleiben, muss er wohl auch in Zukunft Regeln brechen, Gewohnheiten durchkreuzen, neue Erzählformen zulassen. Einen Schritt in diese Richtung unternimmt bereits das verkorkste Dortmunder Ermittlerteam der Kommissare Faber, Bönisch, Dalay und Kossik. Es folgt dem Trend zur vernetzten Serialität, wie man sie aus britischen und amerikanischen Serien kennt. Die als asozial-sympathisch gezeichnete Hauptfigur Faber, gespielt von Jörg Hartmann, macht im Gegensatz zu den charakterlich weit gefestigteren Odenthals, Leitmayrs und Borowskis im Laufe der Zeit eine Entwicklung durch, die ihn immer häufiger ins Böse verstrickt. Das kann für den „Tatort“ durchaus ein gutes Zeichen sein.

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