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Tausend Folgen „Tatort“ : Was macht den „Tatort“ zur beliebtesten Serie der Deutschen?

  • -Aktualisiert am

Der „Tatort“ war von Anfang an als Gegenformat gedacht. Notgedrungen zwar, weil der ARD-Krimi Ende der Sechziger im Sterben lag. Aber mit einem frischen Konzept, das Aktualität, Realismus, Sozialkritik und das Alleinstellungsmerkmal Regionalität vereinte. Letztere nennt sein Erfinder Gunther Witte heute als wesentlichen Grund für die ungeheure Popularität der Reihe. Sie garantiert einen großen Reichtum an Schauplätzen, Kommissarspersönlichkeiten und Storys. Zudem gelingt es auf diese Weise, die Eigenheiten und Stereotype der Städte mit ortstypischen Ermittlerfiguren zu kombinieren, wie es etwa in München Batic und Leitmayr sind, in Münster Thiel und Boerne, in Dortmund Faber und in Wien Eisner und Fellner. Kein Zufall übrigens, dass es den „Tatort“ von Anfang an in Farbe gab.

Seine Methoden waren vor allem manierlich

Anfangs jedoch zeichneten die Regionalsender am liebsten einsame Vaterfiguren, deren Privatleben keine Rolle spielte. Der Fall selbst stand im Mittelpunkt, ermittelt wurde korrekt und nach Vorschrift. Die Einführung des unorthodoxen Zollfahnders Kressin gilt als das erste Experiment der Reihe, bei dem versucht wurde, das biedere Grundmuster einer Detektivgeschichte aufzusprengen. Der lässige Einzelgänger ermittelte bundesweit, fuhr Sportwagen, hatte Freundinnen zuhauf und Charisma. Der Medienwissenschaftler Leder sieht ihn rückblickend als Persiflage auf den Geheimagenten James Bond. Aber für solche Mätzchen war das Publikum der siebziger Jahre noch nicht reif. Kressin wurde bald abgesetzt.

Den repräsentativen Ermittler jener Zeit verkörperte stattdessen der Essener Kommissar Heinz Haferkamp. Er wird, so schreibt der Soziologe und Filmwissenschaftler Christian Hißnauer, in einer Folge fast schon in der Ikonographie Helmut Schmidts mit der Mütze des Lotsen inszeniert. Haferkamp verbindet die „pragmatische Vernunft einer protestantischen Pflichtethik mit den Desillusionierungen der Flakhelfer-Generation“. Sein Einsatzgebiet war vorwiegend der großbürgerliche Essener Süden, seine Methoden waren vor allem manierlich.

Die Ära des Actionfilms, des Milieus, der Ermittlerteams

Das änderte sich schlagartig mit dem Auftritt von Schimanski Anfang der Achtziger. Mit ihm war dem WDR das perfekte Gegenmodell zu den korrekten Spießerkommissaren der siebziger Jahre gelungen. Schimanski prügelte sich durch Duisburg, pfiff auf Vorschriften, bedrohte Manager in Nadelstreifen und gab so oft „Scheiße“ von sich, dass die bigotte Moralpolizei der Boulevardblätter Strichlisten führte und sich um das Polizistenbild sorgte. Als kleine Reminiszenz an diese Zeit kann man das „Arschloch“ sehen, das in den aktuellen „Tatort“-Folgen auffallend häufig vorkommt.

Mit Schimanski begann 1981 die Ära des Actionfilms, des Milieus, der Ermittlerteams (Thanner) und der Serialisierung, ausgelöst im selben Jahr durch die amerikanische „Dallas“-Reihe. Auch das Privatleben der Ermittler und die organisierte Kriminalität nahmen fortan breiteren Raum ein, die Charaktere wurden vielschichtiger, die ehemals klaren Kategorien von Gut und Böse verschwammen. Sozialkritische Themen rückten in den Vordergrund, das Format wurde bunter, wilder, brutaler.

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