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Tausend Folgen „Tatort“ : Was macht den „Tatort“ zur beliebtesten Serie der Deutschen?

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„Populäres Fernsehen war lange Zeit nicht wissenschaftsfähig“, sagt Scherer. Dazu sei es zu flüchtig und zu trivial und die Beschäftigung damit nicht karrierefördernd. Im Gegensatz zum permanenten Gezwitscher und Geplapper in den sozialen Medien heute war der „Tatort“ in seinen Anfangsjahren kein Thema, über das man sprach. Wenn schon Fernsehen, dann bitte schön Bildung. Der inzwischen pensionierte Erzählforscher Jochen Vogt von der Universität Duisburg-Essen war wohl der Erste, der sich wissenschaftlich mit dem „Tatort“ beschäftigt hat. Er ist ein Zuschauer der ersten Stunde, für ihn ist die Serie ein Stück miterlebte Zeitgeschichte, der „wahre deutsche Gesellschaftsroman“. Neben den unterschiedlichen Handschriften der Sendeanstalten, der Experimentierfreudigkeit und der Bildästhetik registriert er vor allem den linksliberalen Drall der Reihe. Der Kölner Medienwissenschaftler Dietrich Leder sieht das genauso. Der „Tatort“ richte sich an eine „bildungsbürgerlich geprägte, politisch sich links verstehende Mittelschicht“. Das wiederum bedeutet: Es herrscht bei Machern und Zuschauern Konsens über bestimmte gesellschaftliche Themen. Die Kommissare sollen Vorbilder sein, sie würden also niemals für Todesstrafe einstehen. Oder mit einem Rassisten wie Trump sympathisieren. AfD-Wähler könnten dieser Theorie zufolge im „Tatort“ ein weiteres Beispiel für die Medienverschwörung sehen.

Der Publikumsgeschmack des Jahres 1965

Der Aufstieg des Krimis im deutschen Fernsehen begann Mitte der fünfziger Jahre. Richtig erfolgreich waren aber erst Straßenfeger wie „Stahlnetz“ (1958 bis 1968). Erstmals kam die Gewalt in die Wohnzimmer. Der Anspruch der ARD war ein journalistisch-dokumentarischer. Echte Fälle wurden von Schauspielern inszeniert. Das ZDF hingegen setzte früh auf eine literarisch-fiktionale Ausrichtung. Einschaltquoten von mehr als siebzig Prozent waren nicht ungewöhnlich.

Den damaligen Publikumsgeschmack zeigt eine Umfrage von 1965. Unbeliebt waren Parodien oder Kriminalkomödien sowie Geschichten um Bagatellverbrechen. Der Zuschauer wünschte Fairness gegenüber dem Publikum bei der Aufklärung, ein einfaches intellektuelles Niveau, Spannung, den Sieg des Guten sowie eine kleine Dosis Brutalität.

Von Anfang an als Gegenformat gedacht

Seltsame „Tatort“-Figuren wie Boerne (Münster), Faber (Dortmund) oder Murot (Wiesbaden) wären vor fünfzig Jahren jedenfalls gefloppt. Den damaligen Ansprüchen der Zuschauer folgte am ehesten „Der Kommissar“ im ZDF, der von 1969 an ermittelte und auch stilbildend für die Serien „Derrick“ und „Der Alte“ war. Der Kriminalbeamte Keller, moralinsauer und konservativ, ermittelte sich durch das verklemmt-biedere Nachkriegsdeutschland, ohne dessen Weltbild zu verletzen. Über den Drehbuchautor Herbert Reinecker, Vielschreiber und ehemaliger NS-Propagandist, schrieb der Spiegel seinerzeit: „Sein Plot ist von der Raffinesse einer Lotto-Ausspielung, seine Charakterzeichnung kann es mit der Subtilität von ,Was bin ich?‘ aufnehmen, sein Dialog ist so originell wie der Wetterbericht.“

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