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Soziologie des Wettbewerbs : Konkurrenz ohne Konkurrenten

  • -Aktualisiert am

Dosen der Firmen Pepsi und Coca-Cola buhlen um die Gunst des durstigen Verbrauchers. Bild: AP

Die Idee des Wettbewerbs setzt voraus, dass die Wettbewerber sich auch als solche begreifen. Doch es gibt Konkurrenzbeziehungen, bei denen die Beteiligten nur zum Teil mitspielen.

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          Wie man seit Georg Simmel weiß, kann es Konkurrenz auch zwischen einander Unbekannten geben. Ich muss meinen Konkurrenten nicht kennen, um seinem Zugriff auf knappe Güter zuvorkommen zu wollen. Natürlich gibt es Konkurrenz auch bei gemeinsamer Gruppenmitgliedschaft, etwa wenn Schüler um die Aufmerksamkeit ihres Lehrers oder Angestellte um Wohlwollen und Förderung ihrer Vorgesetzten konkurrieren. Aber in diesen Fällen leidet dann zumeist auch die Konkurrenz selbst, weil der Konkurrent auch Kooperationspartner ist – und als solcher geschont werden muss. Arbeitsgruppen und Schulklassen kennen informale Normen gegen den Übereifrigen, die auf Einschränkung der Konkurrenz durch das Verbot bestimmter Mittel hinauslaufen: Man darf sich bei Lehrern oder Vorgesetzten nicht einschmeicheln.

          Vor diesem Hintergrund hat die Konkurrenz unter Unbekannten den Vorzug, dass es zwischen ihnen keine guten Beziehungen gibt, die sie stören könnten. Auf großen, anonymen Märkten kann man daher die Existenzgrundlage des Mitbewerbers ruinieren, ohne seine Rache in anderen Rollenzusammenhängen fürchten zu müssen und sich dadurch gehemmt zu fühlen. Ähnlich kann ein junger französischer Wissenschaftler seinen angesehenen amerikanischen Kollegen hart attackieren, ohne sich zur Strafe dafür auf Karrierenachteile im eigenen Lande gefasst zu machen. Für Pierre Bourdieu war dies ein Grund, der internationalen Konkurrenz mehr zu trauen als der nationalen.

          Es gibt aber auch einen komplementären Nachteil: Den abwesenden Konkurrenten mag es nur in meiner Einbildung geben. Wie Forschungen zeigen, kommen große Firmen nicht so leicht auf die Idee, kleine und aufstrebende Firmen für ihre Konkurrenten zu halten und sich für ihre Strategien zu interessieren, umgekehrt aber schon. Ähnlich gab es aus der Sicht seiner Kritiker im Bereich der soziologischen Gesellschaftstheorie viele Konkurrenten zu Niklas Luhmann, nicht aber aus seiner eigenen. Ich kann also jemanden für meinen Konkurrenten halten, ohne dass er mich für seinen Konkurrenten hielte. Das Denkmodell eines zeitlich begrenzten Wettkampfes, der eine gemeinsame Situationsdefinition erzwingt, ist insofern irreführend.

          Kneipendichte oder Metropolencharme als Kriterium

          Von solchen Überlegungen ausgehend, hat nun ein internationales Team von Organisationssoziologen weitere Beispiele für Konkurrenzbeziehungen präsentiert, bei denen die Beteiligten nur zum Teil mitspielen – und dies mit der berechtigten Frage verbunden, ob es sich dann überhaupt um Konkurrenz handelt. Diese Frage ist den Autoren zufolge auch dann angebracht, wenn die Konkurrenten sich übereinstimmend als solche begreifen. Denn schließlich müssen auch die von ihnen umworbenen Dritten mitspielen.

          Leistungsvergleiche zwischen Krankenhäusern und Rankings für Universitäten werden hergestellt in der Hoffnung, dass die jeweilige Kundschaft sich daran orientiere. Diese Prämisse ist jedoch, wie Forschungen zum Entscheidungsverhalten der so Angesprochenen zeigen, weithin fiktiv: Krankenhäuser und Universitäten werden bevorzugt nach lokaler Nähe ausgewählt, und selbst den mobilen Studenten geht es weniger um den wissenschaftlichen Rang einer Hochschule als um die Kneipendichte oder den Metropolencharme ihres Standortes.

          Bei Spitzenuniversitäten, die um ihres Ranges willen gewählt werden, mag das anders sein. Hier hegen aber gerade diejenigen, die sie von innen her kennen, berechtigte Zweifel an ihrer Reformfähigkeit: Reicht ihre Macht, um auf ein etwaiges Zurückfallen in der Konkurrenz mit nachweisbarem Effekt zu reagieren? Hier ist nicht das Wettkampfmodell irreführend, sondern die Vorstellung, die bürokratische Organisation sei so etwas wie ein hochdisziplinierter Leistungssportler im Großformat, der seinem überlegenen Gegner die entscheidenden Techniken abschaut.

          Die Autoren tragen ihre Überlegungen als Fragen an den Konkurrenzbegriff ihres Faches vor, den sie zu objektivistisch, also zu unsensibel, für folgenreiche Meinungsverschiedenheiten finden. Ihr Text hat aber auch einen zeitdiagnostischen Kern. Offensichtlich leben wir in einer Zeit, in der die Politik immer öfter in der Rolle eines Vierten auftritt, der Konkurrenz unter gleichartigen Organisationen anzuheizen versucht, weil er darin ein Instrument zur Erzwingung von Fortschritten sieht. Die dauernden Leistungsvergleiche, die Rankings, die Preisverleihungen haben genau diesen Sinn. Dem Rat der Autoren, einmal gründlich nachzuprüfen, in wie vielen Fällen diese veranstaltete Konkurrenz nur in der Einbildung ihrer Veranstalter überhaupt existiert, möchte man möglichst viele Forschungen wünschen, die ihm folgen.

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