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Soziologie : Was dem modernen Kapitalismus Vorschub leistete

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Sparsame Kaufleute in calvinistischen Amsterdam 1585 - hier in einer von Schauspielern nachstellten Szene. Bild: F.A.Z. - Foto Michael Löwa

Max Weber brachte die Entstehung des modernen Kapitalismus mit spezifisch protestantischen Idealen in Verbindung. Aber vielleicht waren soziale Anreize doch wichtiger.

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          Nach der wohl berühmtesten These Max Webers war es die Wirtschaftsethik einiger protestantischer Sekten, die dem modernen Kapitalismus seine Pioniere bescherte. Weber erläutert dies an den klassischen Tugenden des mittelständischen Unternehmers: Fleiß; Disziplin; Gleichsetzung von unerwiderter Großzügigkeit mit Geldverschwendung; Bereitschaft, um künftiger Vorteile willen auf gegenwärtige Freuden zu verzichten. Den ersten modernen Unternehmern habe man all diese Zumutungen an die eigene Lebensführung nur unter religiösen Vorzeichen beibringen können. Den ökonomischen Erfolg sollten sie nämlich nicht um seiner selbst willen, sondern als Anzeichen des eigenen Gnadenstandes erstreben. Eine Haltung der durchgängigen Opferbereitschaft sollte ihnen helfen, die Furcht vor einem Gott zu beschwichtigen, dessen Wohlwollen sich durch einzelne Großtaten nicht länger herbeizwingen ließ. So konnte eine Verzichtsbereitschaft, die früher einmal ins Kloster geführt haben würde, in den Dienst weltlicher Ziele treten.

          Ein starkes Argument zugunsten dieser These liegt in der Unwahrscheinlichkeit einer situationsunabhängigen Arbeitsmotivation. Die Zeitgenossen der frühen Kaufleute pflegten zu arbeiten, um zu leben, und nicht etwa umgekehrt, und noch zu Webers eigener Zeit war diese gleichsam natürliche Einstellung zur Arbeit keineswegs ausgestorben. Weber erläutert das an jenen Indus­triearbeitern, die weniger arbeiteten, nachdem man ihnen den Akkordlohn erhöht hatte, um sie zur Mehrarbeit anzuspornen. Auf die Idee, das eigene Leben der eigenen Arbeit zu widmen, musste man also erst einmal kommen.

          Dass dies auch ohne religiösen Beistand gelingen konnte, ist die These einer unlängst veröffentlichen Weberkritik, die sich im Nachlass des Soziologen Norbert Elias (1897 bis 1990) fand. Elias beruft sich auf ein Buch von Daniel Defoe aus dem Jahre 1726, in dem der ökonomisch erfahrene Schriftsteller als Ratgeber für die Kaufleute seiner Zeit auftritt. Auch Defoe ermuntert seine Leser zu Konsumverzicht und langfristigem Denken. Statt über ihre Verhältnisse zu leben, so wie es die Standesethik der Adeligen vorsah, sollten sie einen Teil der jeweils erzielten Gewinne zurücklegen, um so zu weiteren Investitionen in der Lage zu sein, die dann ihrerseits weitere Gewinne versprächen. Elias hält fest, dass diese Ratschläge als Gebote der Klugheit vorgestellt werden, also ohne religiösen Hintersinn: der „Geist des Kapitalismus“, aber ganz ohne „protestantische Ethik“.

          Die Besonderheit der sozialen Offenheit

          Den sozialen Kontext, in dem dieses Berufsethos gedieh, sieht Elias in der Schichtungsstruktur der englischen Gesellschaft jener Jahre, in der das Stadtbürgertum deutlich unter dem Adel rangierte. Zwischen diesen beiden Schichten gab es eine Zwischenschicht von Grundbesitzern, die Gentry. Das Besondere an ihr war ihre soziale Offenheit. Ein Kaufmann, der es nach einigen Jahren auf den von Defoe empfohlenen Wegen zu größerem Reichtum gebracht hatte, konnte sich durch Erwerb von Grundbesitz um Aufnahme bemühen. Elias sieht den Grund der bürgerlichen Askese in der Attraktivität einer solchen Karriere und nicht in der Sorge ums eigene Seelenheil. Das bedeutet freilich nicht, dass den puritanischen Sekten ihm zufolge keinerlei Bedeutung zukäme. Aber es ist leichter, diese Bedeutung im Lichte der sozialen und ökonomischen Lage jener frühen Kapitalisten zu verstehen, als umgekehrt.

          Das für Defoe wichtigste Merkmal an den ökonomischen Erfolgen seiner eigenen Zeit war, dass sie in ihrem Eintreten ebenso wie ihrem Ausbleiben etwas Zufälliges hatten. Immer wieder zitiert er Beispiele von guten Unternehmern, denen der sauer verdiente Reichtum ganz ohne eigene Schuld verloren ging. Defoe beschreibt die Wirtschaft seiner Zeit also ungefähr so, wie wir Spekulation beschreiben würden. Das ist Elias zufolge auch durchaus realistisch, denn viele Techniken der Absicherung gegen ökonomische Risiken, darunter vor allem Versicherungen, standen damals noch nicht zur Verfügung.

          Der wirtschaftliche Erfolg war dem planvollen Handeln der Menschen also nicht weniger entrückt als ihr jenseitiges Schicksal nach der Kritik des Ablasshandels, nach dem Ende der „Werkgerechtigkeit“ (Luther), nach der Zerstörung der religiösen Meritokratie durch die protestantische Gnadentheologie. Die puritanischen Sekten waren für Elias nur eine „Gruppentherapie“ ökonomisch verunsicherter Akteure, welche die bittere Erfahrung, als Markteilnehmer nicht Herren ihres Schicksals zu sein, in der Idee irrationaler Gnadenwahl zu teilen und dadurch zu lindern suchten.

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