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Soziale Syteme : Leyla, allein schon aus Protest

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Geschmacksfrage Vorname: In der deutschen Gesellschaft ist die Vergabe „entpolitisiert“, stellen Gerhards und Buchmayr fest. Bild: dpa

Wo verlaufen die symbolischen Grenzen zwischen deutscher Mehrheitsgesellschaft und zugewanderten Minderheiten? Mit der Frage haben sich zwei Soziologen beschäftigt und festgestellt, dass manche Migrantengruppen sich an der Kinderwiege abgrenzen.

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          Migranten passen sich der Kultur und dem Lebensstil der Mehrheitsgesellschaft irgendwann an. Das ist weniger eine normative Erwartung im Sinne eines „Ihr müsst euch assimilieren!“ als eine empirische: Arbeitswelt, Schule, Konsum und das Fernsehen würden dafür schon sorgen. Aber ist diese Erwartung gerechtfertigt? Die Soziologen Jürgen Gerhards und Florian Buchmayr haben diese Frage jetzt mit einem schlichten, aber aufschlussreichen Forschungsdesign überprüft. Ihre Antwort: Ja, in der deutschen Gesellschaft haben sich die symbolischen Grenzen zwischen Mehrheitsgesellschaft und zugewanderten Minderheiten aufgeweicht. Die zweite Generation, das bestätigen eigentlich alle Studien, ist kulturell wie sozial immer besser integriert als die erste. Nur gilt das, so Gerhards und Buchmayr, eben nicht für alle.

          Die beiden haben dazu Gruppeninterviews mit 55 in Deutschland lebenden Migranten verschiedener Herkunft (Türkei, Serbien, Bosnien, Polen, Russland, Italien, Vietnam, China, Libanon und Syrien) durchgeführt, die sie noch durch weitere Interviews mit Eltern und deren Kindern ergänzten. Hat sich die Wahrnehmung der symbolischen Grenze zwischen Mehrheitsgesellschaft und migrantischer Minderheit im Übergang von der ersten zur zweiten Generation der Migranten verändert? Gerhards und Buchmayr konzentrierten sich dabei auf den Umgang mit Vornamen, da diese eine kulturell hohe Signalfunktion hätten. Wenn wir im deutschsprachigen Kontext auf die Namen Alexios, Omar, Phuong oder Kim stoßen: Was empfindet die Mehrheitsgesellschaft, welche Intentionen verbinden die migrantischen Eltern, die ihren Kindern diese Namen gegeben haben?

          Gerhards und Buchmayr bringen die Erfahrungen der zweiten Migrantengeneration auf die Formel „multikulturelle Selbstverständlichkeit“: Die Vergabe fremder Vornamen sei in der deutschen Gesellschaft „entpolitisiert“, sie signalisiere keine Gruppenidentität mehr, sondern sei eine Geschmacksfrage geworden. Wenn Kinder Lennox, Malia, Fiete und Hailey heißen können oder Aurora, Gustav und Emma, dann sind sie endgültig ein Gegenstand nur noch für die Kultursoziologie, aber nicht mehr für Migrationsforscher. Insofern mittlerweile mehr als ein Fünftel der Gesamtbevölkerung einen Migrationshintergrund hat und nichtdeutsche Namen daher omnipräsent sind, war das erwartbar.

          Namensvergabe unterschiedlich motiviert

          Das Problem ist nur, dass diese Entpolitisierung an türkischen und arabischen Migranten offenbar vorbeigegangen ist. Für diesen Befund greift die Studie auf den Begriff der postmigrantischen Gesellschaft zurück, mit der die Migrationsforscherin Naika Foroutan die widersprüchliche Gleichzeitigkeit der Öffnung und Schließung der verschiedenen Migrantengruppen zu erfassen versucht.

          Im vorliegenden Fall geben eigentlich alle Eltern aus der zweiten Generation von Migranten ihren Kindern Namen aus ihrer Herkunftskultur – das unterscheide etwa die Vietnamesen oder Polen nicht von türkischen oder libanesischen Eltern. Letztere jedoch tun es mit einer ganz anderen Haltung: Dahinter stehe das gesellschaftspolitische Signal eines Protestes gegen eine empfundene Ausgrenzung. Diese Erfahrungen seien zwar schwächer als die der ersten Generation von Migranten aus dem türkisch-arabischen Raum, sie würden aber stärker empfunden, weil sich diese selbst als hochintegriert betrachten.

          „Gerade diese Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung weckt ihre Kampfbereitschaft“, so Gerhards und Buchmayr. Während Migration etwas Selbstverständliches geworden sei, fühlten sich die Muslime auch der zweiten Generation immer noch nicht anerkannt. Ihre Vergabe typisch muslimischer Vornamen gerate so zur „Namenspolitik“, mit der man gegen die „symbolische Exklusion“ aufbegehre und protestiere, selbst wenn man damit die ohnehin schon tief empfundene Diskriminierung noch bis zur Stigmatisierung verstärke.

          Natürlich räumen die Autoren der Studie deren Schwächen ein. Sie konzentriere sich allein auf einen Vergleich von Generationen und Herkunftsländern, andere Faktoren, welche die Namenspolitik beeinflussen könnten, also Bildungsstand, Geschlecht und Religion, blieben unberücksichtigt. Schwerwiegender ist aber eine andere Frage, deren Beantwortung allerdings nicht in der Macht dieser Studie liegt. Nämlich die nach Ursache und Wirkung der empfundenen Diskriminierungserfahrungen der muslimischen Migranten. Ihre Abgrenzung, die sich eben auch in der Namenspolitik äußere, sei Resultat erlebter Ausgrenzung, so die Befragten. Sicher sei nur, dass die Assimilierungsbereitschaft der zweiten Generation im Vergleich zu ihren Eltern abgenommen hat. Aber hat nicht auch die Diskriminierungssensibilität unter den Muslimen gleichzeitig zugenommen? Und könnte die Ursache der gefühlten Diskriminierung nicht wiederum in einer intentionalen Selbstabgrenzung von der Mehrheitsgesellschaft liegen? Das bliebe zu erforschen.

          Über die Publikation

          Jürgen Gerhards, Florian Buchmayr: Unterschiede zwischen der ersten und zweiten Generation von Migrantinnen in der Wahrnehmung symbolischer Grenzen und in den Strategien ihrer Grenzarbeit, in: Berliner Journal für Soziologie (2018) 28: 367–395.

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