https://www.faz.net/-gwz-a2u7a

Verirrte Menschen : Das Labyrinth im Kopf

  • -Aktualisiert am

Finden Sie hier durch? Dieses Labyrinth ist „perfekt“. Das bedeutet: Vom Eingang führt nur ein einziger Weg zum Ausgang. Erstellt wurde dieses Bild mit der Website mazegenerator.net. Bild: mazegenerator.net

Wenn Menschen sich verirren, geraten sie in Panik – und laufen tatsächlich im Kreis. Die Erforschung dieses Verhaltens hilft, Vermisste zu finden.

          8 Min.

          Kenneth Hill ist ein verfolgter Mann. Es sei der Geist des neunjährigen Andrew Warburton aus der kanadischen Provinz Nova Scotia, der ihn heimsucht. Das schrieb der Psychologe über sich selbst in einem Aufsatz, den er 2006 gemeinsam mit einem Kollegen veröffentlichte. Der Junge hatte im Juli 1986 mit seiner Familie eine Tante auf dem Land besucht. An einem sonnigen Tag verließ er in Turnschuhen, Badehose und Unterhemd ihr Haus, um seinen großen Bruder und zwei Freundinnen an einem See zu treffen. Er kannte den Weg. Mit Spielkameraden war er ihn schon oft gegangen. Dieses Mal war Andrew allein und verschwand in dem Waldstück, das zwischen dem Haus seiner Tante und dem See lag.

          Eine Suchaktion wurde gestartet. Fünftausend Polizisten, Feuerwehrleute, Soldaten und freiwillige Helfer durchkämmten die Gegend. Der Einsatzleiter rief bei den Universitäten in der Nähe an. Er wollte herausfinden, wie sich verirrte Kinder verhalten. So landete er bei Kenneth Hill, der an der St. Mary’s University in Halifax Psychologie lehrte. Der Polizist legte dem Professor eine Landkarte vor und fragte, auf welche Gegenden er die Suche konzentrieren solle. Doch Hill konnte ihm nicht helfen, erinnerte sich der Psychologe in seinem Aufsatz. Es gab schlicht keine Forschungsergebnisse, die er in diesem Fall hätte nutzen können. Er habe sich davongeschlichen und einer der Suchmannschaften angeschlossen. Nach acht Tagen Suche wurde der neunjährige Junge tot aufgefunden. Andrew Warburton war in über drei Kilometer Entfernung von seinem letzten bekannten Aufenthaltsort offenbar an Unterkühlung gestorben.

          Ohne kognitive Karte

          Von da an widmete Hill seine Arbeit vermissten Menschen. Sich in der Wildnis zu verirren ist eine Extremsituation. Menschen verspüren nicht ohne Grund Todesängste, geraten in Panik, treffen irrationale Entscheidungen. Das Verhalten zu verstehen oder zumindest zu beschreiben kann ein Schlüssel dazu sein, vermisste Menschen zu finden. Hill sammelte Daten. Er führte Interviews mit Menschen, die vermisst gewesen und schließlich gefunden worden waren. Er verirrte sich freiwillig in Wäldern oder ging mit seinen Studenten in die Wildnis und sorgte dafür, dass sie die Orientierung verloren. Außerdem erforschte er, wie Kinder ihre Umgebung wahrnehmen. Diese Arbeit, so Hill, kann dabei helfen, die Suche nach Kindern wie Andrew Warburton zu verbessern.

          Solange Kinder jünger als acht Jahre sind, fehlt ihnen zumeist etwas, das Psychologen eine „kognitive Karte“ nennen. Dabei handelt es sich um die abstrakte, geistige Abbildung einer Gegend. Sie beschreibt unter anderem, welches räumliche Verhältnis wichtige Objekte wie Häuser, Berge oder Wege zueinander haben. Dass kleinen Kindern dieses Verständnis fehlt, erkenne man etwa, wenn man sie unterwegs auffordere, in Richtung ihres Hauses zu zeigen, schreibt Hill in seinem Ende der neunziger Jahre erschienenen Buch „Lost Person Behavior“. Sie würden dann nicht direkt in Richtung des Hauses deuten, sondern etwa in Richtung eines kleinen Pfades, den sie nehmen würden, um nach Hause zu kommen.

          Erst mit etwa acht Jahren begreifen Kinder die räumlichen Zusammenhänge der Welt um sie herum wirklich und verstehen, dass eben viele Wege nach Hause führen. Das ist laut Hill auch die Zeit, in der sie die Gegend immer intensiver auskundschaften. Das ist einerseits gut, denn so lernen sie, sich zurechtzufinden. Aber die Neugier birgt natürlich Risiken. Ein Kollege von Hill ist Kindern beim Erkunden ihrer Nachbarschaft gefolgt. Er war fasziniert davon, dass sie alles dafür taten, um eine Abkürzung zu nehmen, obwohl viele dieser vermeintlichen Abkürzungen nicht nur gefährlicher, sondern am Ende auch deutlich länger waren als die bekannten Wege. Meistens ist eine misslungene Abkürzung der Grund dafür, dass Kinder zwischen acht und zwölf Jahren sich verlaufen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der Himmel über Berlin am Abend des 28. Oktober

          Massive neue Einschränkungen : Die Welle brechen

          Um eine weitere Explosion der Infektionszahlen zu verhindern, ergreifen Kanzlerin und Ministerpräsidenten drastische Maßnahmen – obwohl selbst Virologen dazu unterschiedlicher Auffassung sind. Was bleibt offen, was muss schließen?
          Friedrich Merz am Dienstag in Eltville am Rhein

          Friedrich Merz’ Wutausbruch : Authentisch oder nur gespielt authentisch?

          Hat Friedrich Merz mit seinem Wutausbruch gegen das CDU-„Establishment“ die Dinge einfach nur beim Namen genannt, wie es sich in Demokratien gehört? Über einen eventuell doch sehr taktischen Gebrauch von Empörung in der Politik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.