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Verirrte Menschen : Das Labyrinth im Kopf

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An einen Fall vor gut zehn Jahren kann er sich besonders gut erinnern. Eine ältere Frau wurde in einer ländlichen Region vermisst. „Da haben wir die Einschätzung bekommen, dass sie mit ihrem Rollator keine hundert Meter von ihrem Haus wegkommen kann“, erinnert sich Probst. Drei Tage später habe man sie zwanzig Kilometer entfernt tot in einem Bach gefunden; anscheinend war sie selbst dorthin gelaufen. „Wäre man gleich in die Fläche gegangen, hätte man eventuell eine größere Chance gehabt, die Dame noch lebend zu finden“, sagt der Bergwächter. Er setzt sich dafür ein, möglichst schnell viele Kräfte zu mobilisieren und sofort große Flächen abzusuchen, wenn Menschen vermisst werden. Bei der Auswahl der Flächen verlässt er sich vor allem auf drei Erfahrungswerte: Die Verirrten verspüren den Drang, immer weiterzulaufen, sie gehen im bergigen Schwarzwald eher in Richtung Tal, und wenn sie schon länger unterwegs sind, werden sie Wasser suchen.

Nie versuchen, sich in einen Vermissten hineinzuversetzen

Probst sieht davon ab, sich in Vermisste hineinzuversetzen. Er erklärt das mit einer Suche nach einem verirrten Snowboarder auf dem Feldberg. Ein 28-Jähriger war 2010 mit einem Mädchen auf der Skipiste zusammengeprallt und von dort geflüchtet. Im Nebel verlor er die Orientierung, setzte noch einen Notruf ab, dann war der Akku des Handys leer. Die Mitglieder der Bergwacht seien alle Szenarien durchgegangen, wo sie an seiner Stelle hingefahren wären. „Später hat man ihn viel weiter weg, als man das vermutet hätte, in einem Tal gefunden“, sagt Probst. Der Snowboarder war in einem Bach erfroren.

Sich in Vermisste hineinzuversetzen ist deshalb so schwer, weil sich diese Menschen in einer psychischen Notsituation befinden. „Alles Rationale schaltet sich nach und nach ab“, erklärt Probst. Psychologie-Professor Kenneth Hill hat aus seinen Interviews gelernt, dass Verirrten vor Angst oft übel wird, sie Bauchschmerzen bekommen. Der Körper schüttet Adrenalin aus und bereitet sich auf eine Flucht vor – für Hill ist das einer der Gründe, warum Vermisste immer weiterlaufen und ihre Lage dadurch verschlimmern. Diejenigen, die erst nach mehr als 24 Stunden gefunden würden, verharren dann meist an Ort und Stelle, jedoch nicht aus freien Stücken, sondern aus Müdigkeit, weil sie schlafen oder ohnmächtig sind. Manchmal befinden sich Verirrte in einem Schockzustand: Unter Suchmannschaften kursieren laut Hill Geschichten, wonach Vermisste wie in Trance an ihnen vorbeimarschiert seien. Handelt es sich um Kinder, können deren Ängste gerade im Wald zusätzlich zum Problem werden. Sie fürchten sich auch vor Dunkelheit, vor Geistern oder vor Fremden. Sie können dann kaum einen klaren Gedanken fassen. Und jeder neue Reiz lasse sie erschauern, schreibt Hill in einem Kapitel von „Lost Person Behavior“.

In „Wayfinding“ schildert Michael Bond den Fall eines vierjährigen Jungen, der drei Tage lang vermisst wurde. Es stellte sich heraus, dass er sich wegen des schlechten Wetters in dieser Zeit verkrochen hatte. Paradox war, dass Suchmannschaften an seinem Unterschlupf vorbeigekommen waren. Als Kenneth Hill den Jungen später für seine Forschung befragte, wollte er von ihm wissen, warum er sich nicht zu erkennen gegeben hatte. Das Kind erzählte ihm von Monstern mit nur einem Auge, die nachts seinen Namen riefen. Es waren die Männer der Suchmannschaft mit ihren Stirnlampen.

Literatur: „Wayfinding: The Art and Science of How We Find and Lose Our Way“, Michael Bond, Picador, London 2020.

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