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Verirrte Menschen : Das Labyrinth im Kopf

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So unterschiedlich und komplex die Gründe sein mögen, warum Menschen sich verirren: Es lassen sich zumindest Muster erkennen bezüglich der Orte, an denen sie schließlich gefunden werden. Die Entfernung des Fundorts vom letzten bekannten Standort hängt zum Beispiel davon ab, was die Menschen in der Natur getan haben. Statistiken aus Kanada zeigen, dass auf Abwege geratene Camper meistens in einem Umkreis von vier Kilometern gefunden werden, Wanderer in bis zu zwölf Kilometer Entfernung. Skilangläufer oder Mountainbiker hingegen tauchen zuweilen zwanzig Kilometer abseits ihrer eigentlich geplanten Route auf.

Auch Statistiken zu den Fundorten können bei der Suche helfen. Die Daten von großangelegten Suchaktionen aus dem Vereinigten Königreich zeigen, dass verirrte Kinder meistens in Gebäuden oder auf Wegen gefunden werden. Zudem findet man 96 Prozent der vermissten Kinder lebend. Anders ist das bei demenzkranken Personen, die zieht es vor allem zu Straßen, Pfaden oder Begrenzungen wie Zäunen, und fast jede fünfte ist tot, wenn sie schließlich gefunden wird. Ähnlich schlecht sieht es bei Spaziergängern und Wanderern aus, die allein unterwegs sind; werden sie längere Zeit vermisst, endet es für sie in siebzehn Prozent der Fälle fatal. Gehen sie jedoch in Gruppen, beträgt die Todesrate zwei Prozent.

Was verirrte Menschen bis zu ihrem Auftauchen getan haben, erforschte Kenneth Hill mittels Interviews. In einem dieser Fälle waren ein 13 Jahre alter Junge und ein neunjähriges Mädchen in Nova Scotia aufgebrochen, um im Wald tote Bäume umzureißen. Es war November, die Temperatur lag um den Gefrierpunkt, und es wurde langsam dunkel, als sie merkten, dass sie sich verirrt hatten. Zunächst versuchten sie, anhand der umgeworfenen Bäume den Weg zurück zu finden, wie Hänsel und Gretel mit ihren Brotkrumen. Diese Taktik nennt Hill „Rückverfolgung“. Viele Verirrte nutzen sie, scheitern aber, weil sie sich den Weg nicht korrekt gemerkt haben. Auch die Kinder kamen nicht weiter. Es lagen schlicht zu viele tote Bäume im Wald. Dann wanderten sie eine Weile planlos umher, was viele Verirrte anfangs tun, wenn sie sich ihrer Lage bewusst werden. Der Junge stieg auf Hügel, um eine bessere Sicht zu bekommen, schließlich stellten sie fest, dass sie im Wald übernachten müssen. Am nächsten Morgen gingen sie immer wieder in verschiedene Richtungen und kehrten zum Ausgangspunkt zurück, um Hinweise über die Umgebung zu sammeln, ihre Lage aber nicht weiter zu verschlimmern. Das ist ebenfalls eine Taktik, die viele Vermisste wählen. Doch auch diese half den Kindern nicht. Kurz nach Sonnenaufgang hörte der Junge endlich die Stimme seines Vaters, zumindest glaubte er das. In Wahrheit rief ein Mann aus der Suchmannschaft nach ihm. Die Kinder waren gefunden.

Es gibt Berichte darüber, wie das Wissen über das Verhalten Vermisster und deren Fundorte tatsächlich geholfen hat, Suchmannschaften an ihr Ziel zu führen. Zugleich ist zu bedenken, dass die Erkenntnisse nicht auf alle Gegenden oder Personen übertragbar sind. Das weiß auch Adrian Probst. Er ist 31 Jahre alt und arbeitet fast sein halbes Leben bei der Bergwacht Schwarzwald, inzwischen ist er Landesvorsitzender. In seinem Revier gibt es jedes Jahr einige Dutzend große Suchaktionen nach vermissten Menschen.

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