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Verirrte Menschen : Das Labyrinth im Kopf

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Auch wenn Erwachsene sich in freier Natur verirren, liegt das oft daran, dass sie eine Abkürzung suchen, etwa weil sie sich bei einer Wanderung übernommen haben. Manche müssen sich nur einige hundert Meter von ihrem Pfad entfernen, um vollends die Orientierung zu verlieren. Mit einem Smartphone ist es heute – Mobilfunkempfang vorausgesetzt – meist kein Problem, den Weg zurück zu finden. Doch ohne solche Hilfsmittel müssen die Menschen sich auf ihren Orientierungssinn verlassen, und der kann in Wäldern oder auch weitläufigen flachen Ebenen schnell versagen.

Orientierungszellen haben keinen Kompass

Die neurologischen Grundlagen der Orientierung lassen sich kaum an Menschen erforschen. Daher nutzen Wissenschaftler vor allem Ratten und andere Tiere, bei denen sie mittels Gehirnelektroden bestimmte Nervenzellen untersuchen. Dabei spielen die sogenannten Ortszellen eine besondere Rolle, senden Signale, wenn das Tier sich an einem bekannten Ort befindet. Dank dieser Zellen könnten Ratten in der Lage sein, eine Art kognitive Karte zu entwickeln. Dabei kommunizieren die Ortszellen mit anderen Neuronen, etwa den Gitterzellen, die dafür sorgen, dass das Tier eine Art imaginäres Gitternetz in einen Raum legt. Zudem reagieren im Gehirn die Grenzzellen auf die Entfernung zu Wänden und anderen Begrenzungen, und die Kopfrichtungszellen zeigen die Richtung an, in die das Tier schaut. Die nötigen Informationen dafür kommen von Objekten in der Umgebung. Auch die Orientierungszellen in unserem Gehirn arbeiten also wahrscheinlich nicht mit Himmelsrichtungen wie ein Kompass, sondern mit Richtungen im Verhältnis zu unserer unmittelbaren Umgebung.

Aber in einem gleichförmigen Dickicht aus Ästen und Blättern, auf einer verschneiten Ebene oder im Nebel gibt es keine Orientierungspunkte oder Begrenzungen. In Gebieten ohne klare Grenzen verirrten sich Menschen besonders oft, schreibt der britische Wissenschaftsjournalist Michael Bond in seinem kürzlich erschienenen Sachbuch „Wayfinding“. Experimente hätten zudem gezeigt, dass die Ortszellen von Ratten in Kästen, deren Wände man unvermittelt verschwinden lässt, plötzlich aufhören, Signale zu senden. Damit verlieren die Tiere eine Komponente ihrer kognitiven Karte.

Ohne die Sonne laufen wir im Kreis

Wie sich ein solcher Orientierungsverlust auf die Bewegungen von Menschen auswirkt, haben Forscher des Tübinger Max-Planck-Instituts für biologische Kybernetik 2009 in einem Experiment untersucht. Sie ließen Testpersonen durch den dichten Bienwald in Rheinland-Pfalz und durch die Sahara laufen. An klaren Tagen orientierten die Freiwilligen sich an der Sonne und hatten keine Probleme, geradeaus zu gehen. War es jedoch bewölkt, begannen sie tatsächlich, in kleinen Kreisen zu laufen, und kamen, ohne es zu merken, immer wieder an Orten vorbei, an denen sie bereits waren. Als die Forscher ihnen noch dazu die Augen verbanden, liefen die Testpersonen in derart engen Kreisen, dass sie keine hundert Meter vom Fleck kamen. Bis dahin hatte man dieses Phänomen auf Unterschiede in den Gehirnhälften oder unterschiedlich lange Beine zurückgeführt. Das würde aber bedeuten, dass die Menschen ihre Kreise immer in die gleiche Richtung laufen würden. In dem Experiment wechselten sie aber die Richtung, und die Pfade deuteten vielmehr darauf hin, dass sich mit jedem Schritt kleine, zufällige Fehler in die Richtungswahrnehmung der Probanden einschlichen. Diese Fehler summierten sich und führten die Personen auf ihre mäandernden Kreispfade. Michael Bond interpretiert die Ergebnisse so, dass die Kopfrichtungszellen und Gitterzellen ohne äußere Reize versagen.

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