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Bildungsverlierer : Abgehängt von der Bildungs-Lokomotive

  • -Aktualisiert am

Eine Familie wirft lange Schatten auf das Pflaster. Bild: dpa

Eine neue Studie zeigt: Kinder aus Patchworkfamilien und von alleinerziehenden Vätern und Müttern sind unter den Bildungsverlierern. Ist Stress der Grund für das schlechte Abschneiden in der Schule?

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          In der modernen Gesellschaft gehen Emanzipationsgewinne häufig auf Kosten anderer Errungenschaften. So stehen heute Alleinerziehende, Geschiedene und Patchworkfamilien zwar nicht mehr unterhalb der „Normalfamilie“ mit zwei Eltern und ihren leiblichen Kindern. Doch die Bildungsforschung hängt den bunten neuen Familienformen einen Makel an: Kinder aus solchen Verhältnissen schnitten in der Schule schlechter ab. Verantwortlich für die geringeren Bildungserfolge von Kindern, die nicht mit den leiblichen Eltern zusammenleben, seien die mit den verschiedenen Familienformen verbundenen „Ressourcenunterschiede“. Aber was genau hinter diesem Begriff der „Ressourcen“ steckt, sei mit dem aktuellen Forschungsstand nicht erklärbar. Wolfgang Ludwig-Mayerhofer, Nico Stawarz und Alexandra Wicht haben sich darum vorgenommen, diese Lücke jetzt mit den Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS) zu schließen.

          Dazu ist es natürlich nötig, die heutigen Familienformen so differenziert wie möglich abzubilden. Also mindestens zwischen Familien mit zwei biologischen Eltern, Stieffamilien und Alleinerziehenden zu unterscheiden. Die Kinder von Letzteren gehören zu den klassischen Bildungsverlierern. Erklärt wird das mit dem geringeren ökonomischen Kapital insbesondere von alleinerziehenden Müttern. Auch an den eigentlichen Bildungsressourcen mangelt es hier oft. Man würde hier noch keine größeren Forschungslücken erwarten. Schwieriger wird es aber, wenn man das „intrafamiliäre Sozialkapital“ ansieht, das in den jeweiligen Familienformen zur Verfügung steht. Sprich: Wie viel Unterstützung können Eltern ihren Kindern in der Schule geben? Dass Alleinerziehende hier im Nachteil sind, liegt auf der Hand. Aber warum sollten dann Familien mit Stiefeltern, also auch die Patchworkfamilie, hier einen Nachteil darstellen? Wir leben doch nicht mehr in den märchenhaften Zeiten der bösen Stiefmutter. Und dennoch stellen die Autoren ihre zentrale Hypothese auf, dass Kinder, die nicht mit beiden leiblichen Eltern zusammenleben, in Lesen und Mathematik schlechter wären als jene, die eben mit ihren biologischen Eltern eine „Normalfamilie“ bildeten.

          Die NEPS-Daten erlauben die Überprüfung dieser Vermutung anhand der Leistungen von Schülerinnen und Schülern, die im Erhebungsjahr 2014 mehrheitlich in der 9. Klasse waren. Und diese Daten bestätigen die Erwartungen der Studie: Die Jugendlichen mit zwei leiblichen Eltern zeigen deutlich bessere Lese- und Mathematikkompetenzen als Schüler aus Stieffamilien und aus Alleinerziehenden-Haushalten. Auch ihre Ressourcenausstattung sei besser. Und sogar der von ihnen selbst empfundene „Stress“ dieser Jugendlichen mit dem klassischen Familienhintergrund falle geringer aus als bei den anderen.

          Das Trauma der Trennung wirkt nach

          Bemerkenswert daran ist auch, dass in dieser Studie bei den Alleinerziehenden zwischen Müttern und Vätern unterschieden werden konnte, und es zeigt sich, dass die hier schwächsten Jugendlichen tatsächlich alleinerziehende Väter haben. Insgesamt, so die Autoren, bestätigten ihre Befunde „einmal mehr, dass Kinder, die nicht (durchgängig) mit beiden leiblichen Eltern zusammenleben, in ihren Bildungserfolgen beeinträchtigt sind“. Die betreffenden Unterschiede ließen sich statistisch zwar nur bei den mathematischen Leistungen absichern, gingen jedoch auch bei der Lesekompetenz in die gleiche Richtung. Aber woran liegt das denn nun eigentlich? Sind die „Normalfamilien“ einfach die besseren Familien?

          Die Ergebnisse der Studie legen das tatsächlich nahe. Es ist nicht nur das sozio-ökonomische Kapital, auch das Bildungs- und Kulturkapital dieser Familien ist besser. Sie haben mehr Bücher, die Eltern haben höhere Bildungsabschlüsse, man geht häufiger ins Theater. Die Jugendlichen mit den beiden leiblichen Eltern scheinen sogar über das beste Familienklima zu verfügen. Auffallend ist auch, dass die Befragten aus den Stiefelternfamilien die höchste Anzahl an Geschwistern haben. Vielleicht bleibt da für den Einzelnen einfach weniger elterliche Aufmerksamkeit übrig, was sich dann negativ auf die Bildungskompetenzen auswirkt?

          Insgesamt hänge der Bildungserfolg der Kinder am stärksten von der Ausstattung der Familien mit kulturellem Kapital ab, so die Autoren. Aber – und das ist vielleicht beunruhigender – es scheint auch eine beobachtbare Störung im Binnenklima dieser Familien vorzuliegen. Eine Scheidung oder Trennung sei für die betroffenen Eltern mit „Stress“ verbunden, so die Autoren der Studie. Und der könne sich tatsächlich auf die Kinder übertragen. Das verweise auf die „Familiengeschichte“ der befragten Jugendlichen, über welche die Daten des NEPS leider keine Auskunft gäben. Man wisse eben nicht, wie diese Stieffamilien zusammengekommen sind, wie traumatisch es für die Betroffenen vielleicht war. Und möglicherweise ist die Trennung von der Mutter traumatischer als die vom Vater, vielleicht erklärten auch unterschiedliche Erziehungsstile alleinerziehender Väter das schlechte Abschneiden ihrer Kinder.

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