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Schwächen der Rassismusstudien : Wer nicht gezählt wird, zählt auch nicht

  • -Aktualisiert am

Junge Frau bei einer Demonstration gegen Rassismus in Berlin im Juli 2020 Bild: dpa

Um rassistische Diskriminierung abzubilden, reicht es nicht, nach dem Migrationshintergrund zu fragen. Denn schwarze Deutsche werden so zu statistischen Weißen.

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          Gibt es menschliche Rassen? Der Sozialkonstruktivismus würde sagen, solange es Menschen gibt, die davon überzeugt sind, gibt es die. Und solange in amtlichen Dokumenten die Hautfarbe angegeben werden muss. Oder solange es Menschen gibt, denen eine bestimmte Rassenzugehörigkeit zugeschrieben wird und die deshalb rassistisch diskriminiert werden. Aus der Politik heißt es, Rassismus müsse „verlernt“ werden. Streiche man den Begriff Rasse aus dem Grundgesetz, sei das ein starkes Zeichen; die Bundesregierung zeigt sich offen für diesen Vorschlag. Aber wie soll die Gesellschaft Rassismus verlernen, wenn sie gleichzeitig unermüdlich die Wahrnehmung von Rassismus verschärft und darauf aufbauend dessen Bekämpfung fordert?

          Vor diesem Dilemma steht auch die soziologische Forschung. Will sie dazu beitragen, Rasse im Sinne eines äußeren menschlichen Merkmals zum Verschwinden zu bringen, dürfte sie die Bevölkerung gar nicht mehr anhand dieses Merkmals beobachten. Will sie aber die Existenz von Rassismus in unserer Gesellschaft nachweisen, muss sie einen Zusammenhang unterstellen etwa zwischen der Wahrnehmung von Menschen als Schwarze und darauf aufbauenden Zuschreibungen von negativen Merkmalen, die sie erst dann als rassistische Stereotype entlarven könnte. Man müsste dazu nicht nur wie üblich nach einem „Migrationshintergrund“ fragen. Es mag hier Überschneidungen geben, aber das für rassistische Diskriminierung entscheidende Merkmal des Aussehens wird dabei nicht abgefragt: Ohne die Frage nach der Hautfarbe oder nach einer ethnischen Herkunft, die einen engen Zusammenhang mit der Hautfarbe nahelegt, wird man einen von äußeren Merkmalen ausgelösten Rassismus nicht nachweisen können. Um das Phänomen von rassistischer Fremdzuschreibung wirklich erfassen zu können, müsste man also streng genommen die Teilnehmer einer Studie fragen, ob jemand davon überzeugt sei, aufgrund seiner Hautfarbe selbst schon einmal diskriminiert worden zu sein.

          Abhilfe durch den sogenannten Afrozensus

          Solche Forschungsarbeiten gibt es für Deutschland kaum. In einem Beitrag für das WZB-Magazin haben Joshua Kwesi Aikins, Daniel Gyamerah, Josefine Matysiak und Anne Piezunka diese Lücke jetzt auf die griffige Formel gebracht, dass wer nicht gezählt wird, auch nicht zählt. Debatten über antischwarzen Rassismus, so ihr Vorwurf, würden in Deutschland bisher ohne quantitative empirische Befunde auf großer Datengrundlage geführt. Schwarze Menschen erlebten, dass sie „im Alltag permanent sichtbar und damit auch rassistischer Diskriminierung ausgesetzt“ seien, doch diese Erfahrungen schwarzer Menschen blieben soziologisch unsichtbar. Die pauschale Frage nach einem Migrationshintergrund sei dafür schlicht nicht ausreichend. Gyamerahs im Jahr 2017 verfasste Studie über schulische Benachteiligungen von Schülerinnen und Schülern dunkler Hautfarbe etwa war nur möglich, weil einzig der Mikrozensus seine Teilnehmer mit Migrationshintergrund auch nach ihrer ethnischen Herkunft befragt, bis 2012 fast 600.000 Menschen.

          Auch diese Zahl dürfte zu niedrig sein, da schwarze Menschen im Mikrozensus statistisch „weiß“ werden, wenn etwa beide Eltern Deutsche sind. Formal würden diese Menschen ihren Migrationshintergrund verlieren, was sie zu einer „statistisch unsichtbaren, de facto aber sichtbaren Minderheit“ mache, schreibt Gyamerah. Die Autoren konstruieren aus dieser Datenlage den Vorwurf, sie sei das „Ergebnis der Marginalisierung und fehlenden Institutionalisierung von empirischer Forschung zu Schwarzen Lebensrealitäten in Deutschland“. Dem soll nun der sogenannte Afrozensus abhelfen. Für die mittlerweile abgeschlossene Online-Befragung, die von der Organisation „Each One Teach One“ gemeinsam mit „Citizens for Europe“ durchgeführt wurde, hatten sich knapp 6000 Menschen registrieren lassen. Die Ergebnisse sollen im kommenden Frühjahr vorliegen.

          Für eine intensive Auseinandersetzung mit Alltagsrassismus gegen Dunkelhäutige dürfte die Befragung ein Meilenstein sein, die empirische Sozialforschung dürfte dagegen die Nase rümpfen. Die Selbstzurechnung zur schwarzen Community als Teilnahmebedingung schließt eine statistische Repräsentativität der Datengrundlage von vorneherein aus. Schwerwiegender jedoch dürfte sein, dass eine Erhebung, die schon in der Eigenbewerbung ausdrücklich nach Diskriminierungserfahrungen schwarzer Menschen fragt, kaum Menschen ansprechen dürfte, die sich davon gar nicht betroffen fühlen. Zumindest wissenschaftlich darf man aber nicht ignorieren, dass es schwarze Menschen geben könnte, die etwa aufgrund ihrer privilegierten sozialen Stellung keine Diskriminierung erleben. Die Evidenz rassistischer Diskriminierung wird in dieser Studie also aufgrund dieser letztlich politisch motivierten Vorauswahl überwältigend sein, was ja auch die Erwartung der Verantwortlichen ist. Ein Forschungsdesign aber, das sich seine gewünschten Ergebnisse durch seine methodische Herangehensweise sichert, ist unseriös und schadet seinem wichtigen Anliegen am Ende vielleicht mehr, als dass es ihm nützt.

          Joshua Kwesi Aikins, Daniel Gyamerah, Josefine Matysiak, Anne Piezunka: Wer nicht gezählt wird, zählt nicht. Empirische Forschung zu Schwarzen Menschen in Deutschland, in: WZB-Mitteilungen, Heft 169, 2020.

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