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Vorurteile : Schubladen in unseren Köpfen

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Gefährlich werden die Schubladen, in die man seine Mitmenschen steckt, wenn sie mit einer negativen Wertung einhergehen. Stereotypen werden so zu Vorurteilen. Bild: Bisley

Warum wir Menschen „uns“ von „den anderen“ unterscheiden, erforschen Sozialpsychologen seit Jahrzehnten. Und sie finden Antworten darauf, wie sich feindselige Gruppen versöhnen lassen.

          Schwaben sind geizig und Berliner unhöflich, das weiß jedes Kind. Genauso stimmt natürlich, dass Frauen zu viel quasseln und Männer lieber schweigen, weil sie nicht über ihre Gefühle reden können. Außerdem haben Araber grundsätzlich ein Problem mit Frauen.

          Wenn der Hamburger Sozialpsychologe Hans-Peter Erb solche Sätze hört, weiß er sofort, womit er es zu tun hat: mit klassischen Vorurteilen. Jeder habe Vorurteile, Erb findet das zunächst einmal sehr menschlich. Die Frage sei, wie es dazu komme: „Wir kategorisieren ganz automatisch und teilen die Welt in Gruppen ein“, erklärt der Forscher von der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Jedem Menschen werde dabei eine eigene Schublade zugewiesen. Der eine habe schwarze Augen, ein anderer große Ohren. Und schon würden aus den Eigenschaften einprägsame Stereotype, die vereinfacht Personen oder eine Gruppe charakterisieren. Das alles geschehe rasend schnell, in Bruchteilen einer Sekunde, und in einer Art Autopilotverfahren, wie Erb es beschreibt. Und natürlich ist das keineswegs sinnlos: Die Schubladen helfen uns, die Welt zu ordnen und die Übersicht zu behalten.

          Sparsame Schwaben werden zu Geizhälsen

          Die Kategorisierung erfülle jedoch noch einen zweiten Zweck: Sie teile die Menschen in „wir“ und „die da“, sagt Erb. Schließlich habe sich die Fähigkeit, zwischen „der hier ist ein Verbündeter“ und „der da will mir eine Keule über den Kopf hauen“ zu unterscheiden, als überlebenswichtig erwiesen. Wer dabei in der sogenannten Eigengruppe landet, wird besonders geschätzt und bevorzugt behandelt, das zeigen zahlreiche Studien. Das Mitglied einer Fremdgruppe hingegen wird entsprechend unfreundlicher eingestuft. Aber während der Einordnung passieren Fehler. Einige Schwaben landen vielleicht vorschnell in der Geiz-Schublade, obwohl sie ausgesprochen großzügig sind. Oder das Stereotyp erweist sich komplett als Irrtum, weil Frauen, wenn man es genauer untersucht, keineswegs mehr reden als Männer. Warum Kategorien gefährlich sein können: Den Schubladen wird oft ein zusätzliches Etikett angeheftet, eine positive oder negative Wertung. Und schon werden sparsame Schwaben zu Geizhälsen, Frauen zu geschwätzigen Klatschbasen und aus dem - womöglich falschen - Stereotyp ein Vorurteil. Hinzu kommen die Ressentiments, die eine Gesellschaft ihren Mitgliedern fast automatisch mit auf den Weg gibt. Beispiel Migration: Polen werden aus Sicht der Deutschen mit Autodieben gleichgesetzt, Italiener mit Mafiosi und Kosovaren mit Einbrechern. „Das liegt daran, dass das Bild von Einwanderern in Deutschland seit langem mit einem Gefühl von Bedrohung verknüpft ist“, sagt Ulrich Wagner, Sozialpsychologe an der Universität Marburg.

          Wie solche Bilder entstehen können, hat der türkisch-amerikanische Psychologe Muzafer Sherif Mitte des 20. Jahrhunderts recht drastisch demonstriert. Sherif war ein Pionier der Konfliktforschung, dabei beschäftigte ihn eine Frage besonders: Kann man friedliche Jungen in erbitterte Feinde verwandeln? Um das herauszufinden, lud er im Sommer 1954 zweiundzwanzig sich völlig fremde Elfjährige in ein Ferienlager im Robbers Cave State Park und trennte sie dort in zwei Gruppen auf. Sie waren die „Eagles“ (Adler) und die „Rattlers“ (Klapperschlangen). Sherif wies beiden Gruppen eigene Schlaf- und Badeplätze zu, - hielt sie auf Distanz und steckte die Jungs in Hemden mit verschiedenen Emblemen. So entstanden eingeschworene Gemeinschaften mit eigenen Hierarchien und typischen Verhaltensmustern. Dann ließ er sie gegeneinander antreten.

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