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Typologie der Philosophen : Die Denker auf der Bühne

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Die Schule von Rhein-Athen: Joseph von Kellers Kupferstich dokumentiert das im Zweiten Weltkrieg mit der Bonner Universitätsaula verbrannte Wandgemälde „Die Philosophie“ von Jakob Götzenberger. Bild: mauritius images / The Picture A

Pedanten und Galante, Gegengeisterseher und Resonanzkörperscanner: Ansätze zu einer zeitgenössischen Typenlehre des Philosophen im Kraftfeld zwischen Akademie und Pop.

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          Kaum ein gutes Haar ließ Arthur Schopenhauer an der akademischen Philosophie seiner Zeit. Zwar erhalte Philosophie als Lehrfach an der Universität eine „öffentliche Existenz“; das ermögliche es manchem „jungen und fähigen Kopf“, mit ihr Bekanntschaft zu schließen, so konzediert er in den „Parerga und Paralipomena“. Aber diesen Vorteil überwiege der Nachteil, dass staatlich angestellte „Kathederphilosophen“, statt „freie Wahrheitsforschung“ zu betreiben, „im Auftrage der Regierung“ handelten. Und das bedeutete für Schopenhauer letztlich: im Einklang mit der Landesreligion.

          Solche Staatsfrömmigkeit wird man heute der akademisch institutionalisierten Philosophie nicht ohne weiteres vorwerfen können. Die libertas philosophandi ist als Freiheit von Forschung und Lehre längst zur selbstverständlichen Geschäftsgrundlage des Wissenschaftsbetriebs im Ganzen geworden. Der antiakademische Affekt, der gleichwohl – und allem Anschein nach jederzeit – gegenüber der Universitätsphilosophie aktivierbar ist, sucht sich darum andere Angriffspunkte. Er findet sie beispielsweise in deren angeblicher oder tatsächlicher Unverständlichkeit oder Lebensweltfremdheit oder auch Wissenschaftsgläubigkeit.

          Mit seinem Argwohn gegenüber geistiger Auftragsarbeit zielte Schopenhauer – kundenorientierte Sophisten der Antike vor Augen – auch auf einen drohenden Marktkonformismus des Denkens. Er neigte der Überzeugung zu, es wäre für die Philosophie „heilsamer“, wenn sie überhaupt aufhörte, „ein Gewerbe zu sein“, und nicht „durch Professoren repräsentiert“ würde. Aus ihm sprach nicht nur der Privatgelehrte, dem eine akademische Karriere nicht gelang, sondern auch der Erbe eines Privatvermögens, das ihn vor der Verlegenheit bewahrte, zu Zwecken des Broterwerbs philosophieren zu müssen. Eine aufrichtige Aversion gegen jede Dienstbarkeit des Denkens wird man dem eigensinnigen Nörgler dennoch abnehmen dürfen.

          Der Philosophy Slam gehört heute dazu

          Schopenhauers sozusagen unfrommer Wunsch ist nicht in Erfüllung gegangen. Philosophie hat nicht aufgehört, eine Profession zu sein und von Professoren gelehrt zu werden. Und sie wird zudem als Gewerbe betrieben, sie lässt sich zu Markte tragen, sei es in Gestalt von sogenannten Publikumszeitschriften oder von populärphilosophischen Büchern, deren Spektrum von angebotener Lebenshilfe bis zum ideengeschichtlich-biographischen Bildungsprogramm reicht. Auch die im Zeichen der Eventkultur um sich greifenden Inszenierungen von Denk-Festivals (einschließlich des obligaten „Philosophy Slam“) gehören zu diesem Phänomen.

          Was Schopenhauer ohne viel Federlesens in einen Sack steckte, um draufzuhauen, akademische Philosophie und marktgängige Philosophie, ließe sich freilich auch anders und genauer unterscheiden. Ein gutes halbes Jahrhundert vor ihm hat Kant dazu einige hübsche Überlegungen vorgetragen, die vor dem Hintergrund der damaligen – „spätaufklärerischen“ – Diskussionen um Möglichkeiten und Grenzen populärer Philosophie zu lesen sind: als Versuch der Vermittlung oder, richtiger, der Vermeidung zweier Extreme. In seiner Logik-Vorlesung spricht Kant bei der Erörterung der Frage, wie wissenschaftliche oder philosophische Erkenntnisse zu lehren seien, von „zwei Ausartungen des herrschenden Geschmacks“, namentlich von „Pedanterie und Galanterie“. Jene betreibe die Wissenschaften (inklusive Philosophie) „bloß für die Schule“, diese, die Galanterie, „bloß für den Umgang oder die Welt“.

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