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Typologie der Philosophen : Die Denker auf der Bühne

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Die Orakel wollen nicht eingängig sein

So berechtigt diese Kritik ist: Sie nimmt nicht alle Gestalten „populärer“, marktgängiger, außer- oder antiakademischer Philosophie in den Blick, die für die geistige Situation der Gegenwart typisch sind. Nicht alle, die es auf Publikumswirksamkeit abgesehen haben, versprechen Anstrengungslosigkeit oder Verständlichkeit, einige stoßen auch mit Schwerverständlichem, Orakelhaftem, Mirakulösem auf Resonanz – und scheren aus einer aufklärerischen oder auch nur bildungsbürgerlichen Tradition aus. Als Überbleibsel ebendieser Tradition dürfen aber gerade diejenigen angesehen werden, die Zorn als Beispiele für heutige Populärphilosophen nennt, Richard David Precht und andere.

Man könnte, um jene andere, nachaufklärerische Art außerakademischer Publikumswirksamkeit zu charakterisieren, von „Pop-Philosophie“ sprechen. Zorns Essay handelt, anders als sein Untertitel erwarten lässt, nicht eigentlich von „Pop“, nur von besagter Populärphilosophie. Pop-Philosophie wäre in Abhebung von der Populärphilosophie aber auch als deren zeitgemäße, der „Pop-Moderne“ entsprechende Variante zu begreifen.

Einen Wink in dieser Sache kann man sich womöglich von Gilles Deleuze geben lassen, der Anfang der siebziger Jahre der Pop-Philosophie zu einem ersten namentlichen Auftritt verholfen zu haben scheint. Jedenfalls hat er, in bewegten Tagen, den Ausdruck beiläufig verwendet – in der Wortgestalt „pop’philosophie“ und gemünzt auf den „Anti-Ödipus“. Das 1972 publizierte Buch, das er mit dem Psychoanalytiker Félix Guattari verfasst hat, versuchte die Morgendämmerung einer Zeit herbeizuschreiben, in der das Wünschen wieder helfen sollte. Der Text des enthemmt mäandrierenden Werkes werde, so hoffte Deleuze, eine neue und „direkte“ Art der Lektüre ermöglichen, eine Lektüre der „Intensitäten“, bei der es „nichts zu erklären, nichts zu verstehen, nichts zu interpretieren“ gebe.

Ein ganzes Buch aus Andeutungen

Aus diesen Andeutungen hat Laurent de Sutter ein ganzes Büchlein gemacht, das – unlängst erschienen – die Frage beantworten will: „Qu’est-ce que la pop’philosophie?“ (Presses Universitaires de France). Sutters stilvoll paradoxale Gedankengänge helfen bei der Bestimmung eines heute – diagnostisch – brauchbaren Begriffs von Pop-Philosophie nur beschränkt weiter, laufen sie doch auf die magere Antwort zu, Pop-Philosophie bedeute eigentlich „gar nichts“, sie verhelfe nur dazu, das Glück des „Nicht-Sinns“ („non-sens“), der Suspension von der Disziplin der Begriffsarbeit, zu genießen.

Zur weiteren Konturierung des Phänomens Pop-Philosophie mag, als Kontrastfolie, Kants Idee „wahrer“ Popularität dienen. Was Kant vorschwebte, wäre in einer differenzbewussten Überbrückung von „Vernunftbegriffen“ und „Volksbegriffen“ zu realisieren. Pop-Philosophie hingegen überspielt die Differenz von „Erhebung“ und „Herablassung“ oder simuliert deren Aufhebung – ungefähr so wie die Pop-Art und auch manche Popmusik die Differenz von E und U verschwinden zu lassen scheinen. Wichtiger noch ist: Es geht auch in der Pop-Philosophie, wie in der Pop-Musik, mehr um Schwingungen und Stimmungen, weniger um Begriffe und Argumente.

Das illustriert nicht schlecht noch immer ein Buch, das einst ehrfürchtig als „Theorie-Bibel der Globalisierungskritik“ etikettiert wurde: „Empire“ von Antonio Negri und Michael Hardt. Was diese Bibel bietet, ist eine Mixtur aus Fantasy-Mythos, politischer Prophetie und einem hochprozentigen Theorieverschnitt aus Spinoza und Marx, Nietzsche und Foucault sowie – Deleuze und Guattari.

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