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Typologie der Philosophen : Die Denker auf der Bühne

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Die Pedanterie laufe auf „grüblerische Peinlichkeit und unnütze Genauigkeit (Mikrologie) in Formalien“ hinaus; die Galanterie, die um den Beifall des Publikums buhle, bringe eine „affektierte Popularität“ hervor, welche die Wissenschaft als „Spielwerk und Tändelei“ erscheinen lasse. Sie setze zu sehr darauf, „sich dem Leser gewogen zu machen und ihn daher auch nicht einmal durch ein schweres Wort zu beleidigen“. Der weltfremde und blutleere Gelehrte hier – der nach Effekten haschende Causeur dort. Neben der „affektierten“ Popularität kennt Kant indes noch eine „wahre“ Popularität, die auf Gründlichkeit nicht verzichte, ohne in Pedanterie zu verfallen.

Brauchbar fürs alltägliche Geschwätz

Knapp und missverständlich formuliert, lautet seine Devise: Keine Exoterik ohne Esoterik. Oder in des Denkers Worten: Keine „Herablassung zu Volksbegriffen“ ohne vorherige „Erhebung zu den Prinzipien der reinen Vernunft“. Wer es anders wolle, wer bei der Klärung der Grundgedanken schon auf die Welt und das Publikum schiele, der bringe – wie Kant 1785 in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ gänzlich ungalant über die Populärphilosophie seiner Zeit schrieb – „einen ekelhaften Mischmasch von zusammengestoppelten Beobachtungen und halbvernünftelnden Prinzipien zum Vorschein, daran sich schale Köpfe laben, weil es doch gar etwas Brauchbares fürs alltägliche Geschwätz ist“.

Das bedenklich paternalistisch klingende Vokabular Kants („Erhebung“ – „Herablassung“) einmal beiseitegelassen, könnte man meinen, am Problembestand habe sich unterdessen nicht allzu viel verändert. Die Problembeschreibung zumindest, die sich in einem kürzlich erschienenen schmalen Büchlein findet, das Daniel-Pascal Zorn über „Philosophie zwischen Pop und Akademie“ (Verlag Vittorio Klostermann) geschrieben hat, ist derjenigen Kants nicht ganz unähnlich.

Zorns Kritik gilt der „Populärphilosophie“ unserer Tage, die sich beim Publikum anbiedere, aber auch der akademischen Philosophie, die sich – verkürzt gesagt – zu sehr auf sich kapriziere. Die beiden Parteien, die von ferne durchaus an die der Galanten und Pedanten erinnern, konturieren sich quasi als Idealtypen im Lichte der Wahrnehmung durch ihre jeweilige Gegenspielerin.

Das Dilemma radikaler Autoritätsskepsis

Auf beiden Seiten registriert der Kritiker eine unphilosophische Tendenz: Autoritätshörigkeit. Wenn die Tendenz durchschlage, werde den einen das Publikum samt dessen Verständnishorizont zur letzten Autorität, verhielten die anderen sich der (fach)philosophischen Tradition oder allgemeinen wissenschaftlichen Standards gegenüber unkritisch. Als Maßstab der Kritik dient Zorn, was ihm als eigentlich philosophische Tugend gilt: Radikalität; und zwar die Radikalität, jede Behauptung für rechtfertigungspflichtig zu erachten, nichts fraglos vorauszusetzen – nicht einmal die Radikalität des Infragestellens selbst.

Letzteres bringt intrikate Verwicklungen mit sich: Wie schafft ein Philosoph es, radikale Autoritätsskepsis zu lehren, ohne dabei selbst – ungerechtfertigt – Autorität zu beanspruchen? Das Setting ist indes nicht ohne intellektuellen Charme. Es läuft darauf hinaus zu sagen: Was akademische Philosophie und Populärphilosophie im günstigen Fall gemeinsam haben, ist, Philosophie zu sein. Und das, noch einmal, soll heißen: radikale Kritik aller – scheinbaren – Selbstverständlichkeiten und ungeprüften Voraussetzungen.

Obschon am Ende eine auf Harmonie bedachte Vision steht, in der die Gegenspielerinnen Mitspielerinnen werden könnten, fällt Zorns Kritik an der Populärphilosophie ausführlicher und auch schärfer aus. Deren Radikalitätsdefizit scheint größer zu sein. In Bahnhofskioskzeitschriften und Fernsehplaudereien buhle sie um Aufmerksamkeit; sie verspreche, die Menschheitsfragen ließen sich ohne große Anstrengung erörtern, bediene ein Sinnbedürfnis, das als vermeintlich anthropologische Konstante gedankenlos zugrundegelegt werde. Wie Hofnarren, die den König provozieren durften, solange sie ihn unterhielten, dürften die Populärphilosophen „das Publikum herausfordern, solange sie es nicht überfordern“.

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