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Soziologischer Diskurs : Gute Nachrichten will doch niemand hören

  • -Aktualisiert am

Entgegen der verbreiteten Meinung, sind Rentner in Deutschland unterdurchschnittlich oft von Armut Betroffen. Bild: dpa

Sind die Soziologen wirklich professionelle Nörgler und Schwarzmaler? Das jedenfalls wirft einer von ihnen seinen Kollegen vor. Denn die realen Entwicklungen der Gesellschaft seien in vielen Fällen positiver als allgemein angenommen.

          Der Marburger Soziologe Martin Schröder stellt seinen Studenten regelmäßig folgende Frage: Wievielmal mehr Einkommen hat ein Deutscher, der gerade zu den reichsten zehn Prozent der Gesellschaft gehört, gegenüber einem Deutschen, der noch knapp in den untersten zehn Prozent steckt? Wenn man die gesellschaftliche Einkommensverteilung in Prozentschritte aufteilt, also sogenannte Perzentile, kann man abbilden, wie hoch das Einkommen an jedem vollen Prozentschritt ist.

          Wer jetzt vermutet, der am 90. Perzentil müsse doch ein Zigfaches an Einkommen haben im Vergleich mit jenem am 10. Perzentil oder wenigstens noch das Zehnfache, irrt genauso wie die meisten von Schröders Studenten. Denn die soziale Ungleichheit, so Schröder unter Berufung auf die Daten der „Luxembourg Income Study“, ist nämlich auch in Deutschland viel geringer: Vielmehr habe ein Deutscher am 90. Perzentil nur 3,74-mal so viel Nettoeinkommen wie einer am 10. Perzentil.

          Man könnte an Schröders Beispiel natürlich kritisieren, dass es nicht näher spezifiziert, um was für ein Einkommen es sich dabei eigentlich handelt. Nur das reine Erwerbseinkommen oder das Haushaltseinkommen? Und wie steht es etwa mit Einkommen aus Vermögenswerten? Wurde das berücksichtigt? Kurz: Als Gradmesser der tatsächlichen sozialen Ungleichheit mag der Befund Schröders nur bedingt taugen, aber darum geht es ihm ja auch nicht. Schröder will damit vielmehr bewusst machen, dass die soziale Wirklichkeit von uns viel negativer eingeschätzt wird, als sie in Wirklichkeit ist. Und die Soziologie, so Schröders Kritik am eigenen Fach, trage dazu kräftig bei, weil sie eine notorische „Krisenwissenschaft“ sei. Sind die Soziologen wirklich professionelle Nörgler und Schwarzmaler?

          Fernab der Realität

          Die gesellschaftliche Realität werde weltweit wie in Deutschland in vielerlei Hinsicht besser, aber der soziologische Diskurs bilde diese positive Entwicklung nicht ab, klagt Schröder. Die Wissenschaft der Gesellschaft reproduziere vielmehr ein viel zu negatives Bild ihres Untersuchungsgegenstandes. Um nur einige jüngere Beispiele zu nennen: 1960 habe Daniel Bell dem Kapitalismus vorgeworfen, er führe zu sozialer Isolation und Vereinsamung. Seitdem sei die Zahl der Deutschen in Sportvereinen allerdings um das Fünffache gestiegen.

          1986 beschwor Ulrich Beck die unsichtbaren Gefährdungen der Risikogesellschaft – trotzdem steigt die Lebenserwartung in diesen Gesellschaften stetig an. Zygmunt Bauman behauptete 1999, die Lage des größeren Teils der Menschheit verschlimmere sich rasch und spürbar. Zwanzig Jahre davor, so Schröder, habe der Anteil der Menschheit in extremer Armut zwar noch bei vierzig Prozent gelegen, im Jahr von Baumans Aussage aber schon bei nur noch dreißig, und heute liegt er bei zehn Prozent. 2005 beschwor Hartmut Rosa den gnadenlosen Stress, den die „Gesellschaft der Beschleunigung“ bei den Menschen auslöse. Doch während Rosa die Menschen in einem flüchtigen und ziellosen „Zustand des rasenden Stillstandes“ leiden sah, habe sich die Zeit, die Väter mit ihren Kindern verbringen, in den vergangenen dreißig Jahren verdoppelt. Die Wirklichkeit, so Schröder ironisch, weigert sich anscheinend hartnäckig, dem Pessimismus ihrer Soziologen zu folgen. Aber warum wollen Soziologen wie die genannten lieber nicht der Wirklichkeit folgen, unterstellt, sie habe sich tatsächlich zum Besseren entwickelt?

          Die Soziologen befänden sich in einem von der allgemeinen Öffentlichkeit auch nachgefragten Überbietungswettbewerb in Negativität. Erfolg habe, wer die zeitdiagnostische Untergangsklaviatur besonders virtuos bespiele. Es mag hier eine enge Komplizenschaft von Wissenschaft und Leserschaft geben, doch bemerkenswerter ist Schröders Beobachtung, dass die Soziologie von der Verwandlung von Normalität in Symptome von Krisen lebe. Etwa die Geschlechterungleichheit bei den Löhnen, der sogenannte „Gender Pay Gap“. Der liegt heute in Deutschland unbereinigt bei rund zwanzig Prozent und motiviere ein enormes Forschungsfeld. Derselbe Wert habe in den 50er Jahren bei heute unvorstellbaren achtzig Prozent gelegen und sei bis 1990 auf etwa vierzig Prozent gesunken. Doch je geringer der Abstand der Löhne wurde, desto größer geriet gleichzeitig die öffentliche Aufmerksamkeit auf den verbleibenden Rest.

          Was früher einmal als normal oder bestenfalls als Missstand galt, wird schließlich zum Skandal und dann zum Beweis der Krise, die zum vernichtenden Gesamturteil nötigt. Das mag in seiner alarmistischen Rhetorik manchmal überanstrengt klingen und zum Widerspruch reizen. Man wird aber zugestehen müssen, dass die Beseitigung auch noch der restlichen zwanzig Prozent des Gender Pay Gaps viel schwieriger werden dürfte als die bisher erreichten Fortschritte auf diesem Gebiet. Ließe sich die Negativität der soziologischen Gesellschaftsdiagnosen darum vielleicht als Schärfung der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit für abnehmende, aber eben doch noch nicht ganz verschwundene Ungerechtigkeiten verstehen? Die Soziologie wäre dann weniger eine Krisen- als eine Sensibilisierungswissenschaft.

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