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Soziale Systeme : Zum Teufel mit der Differenziertheit

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Soziologischen Theorien wird immer wieder vorgeworfen, sie vereinfachten die soziale Wirklichkeit. Bild: dpa

Mit ihrer Neigung zum Nuancieren verfehlen viele Soziologen das Wesen ihres Geschäfts. Der amerikanische Soziologe Kieran Healy verteidigt Vereinfachung und Abstraktion gegen Kritiker.

          In seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ bemerkte Max Weber vor ziemlich genau 100 Jahren, dass insbesondere die Jugend mit der spröden wissenschaftlichen Erkenntnisarbeit hadere. Deren „künstliche Abstraktionen“ erschienen vielen ungeeignet, den „Blut und Saft des wirklichen Lebens einzufangen“. Während Weber die Antwort darauf keineswegs darin sah, auf saftige und lebensnahe Analysen umzusatteln, hat sich die Klage über Abstraktion und Alltagsferne gehalten, wenn nicht sogar gesteigert – vor allem gegenüber den zunehmend spezialisierten Geistes- und Sozialwissenschaften.

          Auch soziologische Theorien und Forschungsergebnisse sehen sich immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, sie vereinfachten die soziale Wirklichkeit: Wenn Handlungstheoretiker mit dem Modell des rational entscheidenden Homo oeconomicus arbeiten, schallt ihnen entgegen, man könne den Menschen nicht auf Nutzenmaximierung reduzieren; wenn die Gesellschaftstheorie die Schichtungsgesellschaft des Mittelalters der funktional differenzierten Moderne gegenüberstellt, protestieren Historiker, dabei würden allerlei höchst wichtige Zwischenstadien und Schattierungen unter den Teppich gekehrt.

          Unter dem Titel „Fuck Nuance“ tritt der amerikanische Soziologe Kieran Healy an, die Vereinfachung und Abstraktion gegen ihre Kritiker zu verteidigen. Er notiert, dass in Diskussionen regelmäßig eingefordert wird, theoretische Argumente „nuancierter“ zu gestalten, indem beispielsweise zusätzliche, bisher nicht berücksichtigte Faktoren eingeführt werden: „Welche Rolle spielt Macht für Ihr Argument?“ oder „Sind die Zusammenhänge zum Zeitpunkt X an Ort Y nicht gänzlich anders?“ Das sind typische Fragen, die zwar für sich sinnvoll sind, aber leider häufig mit dem behandelten Problem nichts zu tun haben. Dass „Nuance“ wichtiger geworden ist, zeigt sich an der deutlich gestiegenen Frequenz, mit der das Wort in den letzten Jahren in den Fachzeitschriften vorkommt.

          Kealy unterscheidet drei Formen, in denen der Forderung nach Differenziertheit entsprochen wird: erstens durch die Präferenz für möglichst detaillierte empirische Beschreibungen; zweitens durch die niemals endende Erweiterung von Begriffssystemen, um zusätzliche Sachverhalte abzudecken; und drittens durch eine nur dem „Connaisseur“ gegebene Kunstfertigkeit, die Reichhaltigkeit sozialer Wirklichkeit in wissenschaftliche Texte zu überführen. Während die gegen empirische Prüfung immunisierende Begriffsarbeit bereits an der „Grand Theory“ von Talcott Parsons hinlänglich bemängelt wurde und seitdem eher ein Schattendasein führt, stehen heutzutage vor allem empirische Akkuratesse und gepflegte Kennerschaft hoch im Kurs. Eine Garantie für gute Theorie bieten sie aber nicht – eher im Gegenteil.

          Die Wissenschaft arbeitet immer mit Abstraktionen

          Dem Wunsch nach mehr Differenziertheit nachzugeben, hält Kealy für eine riskante Strategie. Sie läuft darauf hinaus, den für Theorie konstitutiven Anspruch auf Verallgemeinerung durch nachträglich eingeführte Konkretisierung und Zusatzannahmen zu kassieren. Die Wissenschaft arbeitet überall mit Abstraktionen. Sie muss die Wirklichkeit vereinfachen, sie auf wenige Parameter und interessierende Aspekte reduzieren, wenn sie überhaupt zu einer Aussage kommen möchte. Es ist daher ein leichter, aber nicht wirklich produktiver Einwand gegen eine Theorie, sie übersehe dieses oder jenes. Keine Theorie bildet die Wirklichkeit ab, und eine gute Erklärung ist nicht zwingend eine, die alle nur denkbaren Faktoren einschließt.

          Neben diesem prinzipiellen Einwand sieht Kealy auch strategische und ästhetische Gründe, bei der Ausschmückung und Verfeinerung theoretischer Argumente Vorsicht walten zu lassen. Gültigkeit und Erklärungskraft sind die relevantesten Merkmale einer wissenschaftlichen Theorie, aber manchmal möchte man einfach wissen, ob sie interessant ist. Hochgetriebenes theoretisches Raffinement bietet dafür keine Gewähr: Es mag ein ausgewähltes Publikum beeindrucken, ein anderes aber langweilen.

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          Aus diesem Grund ist es auch keine verlässliche Strategie, um Aufmerksamkeit für die eigenen Ideen zu erlangen. Viele der am meisten und nachhaltigsten diskutierten Theorien und Erkenntnisse der Sozialwissenschaften beruhen auf eher einfachen Grundannahmen: Das gilt für Karl Marx, dessen simpel gestrickte Klassentheorie wohl auch in Zukunft mehr Interesse auf sich ziehen wird als seine komplizierte Mehrwerttheorie, aber auch für Max Weber, dessen einfachere Typologien, wie zum Beispiel die Unterscheidung traditionaler, charismatischer und rationaler Herrschaft, am meisten Eindruck im Gedächtnis des Faches hinterlassen haben.

          Es wäre deshalb der falsche Weg, den – in Webers Worten – „dürren Händen“ der Wissenschaft immer neue und reicher verzierte Handschuhe zu nähen. Ihre Kraft entfalten sie am besten, wenn sie ohne unangebrachte Scheu vor der Vereinfachung zupacken können. Diesem Argument Healys kann man gerade nicht vorwerfen, allzu differenziert zu sein – und genau das macht es diskussionswürdig.

          Kieran Healy (2017): „Fuck Nuance“, Sociological Theory 35(2), S. 118–127. http:/doi.org/10.1177/0735275117709046

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