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Urlaub an Unglücksorten : Dunkler Tourismus

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Eine Gedenkstelle erinnert an den Atombombenangriff auf Hiroshima – und lockt viele Touristen an. Bild: AP

Manche Urlauber bereisen gerne Orte, an denen schlimme Dinge geschehen sind. Dort wird Schicksal schnell in eine Unterhaltungsindustrie verwandelt.

          Wohin kann man noch verreisen? Es erscheint paradox, dass diese Frage wieder häufiger gestellt wird, die Expansion des Tourismus hat schließlich zur Erschließung und Erfindung immer neuer Ziele geführt. Dennoch scheint es, als sei manchmal nicht das Überangebot, sondern der Mangel an Reisezielen ein Problem. Krisen und Katastrophen erschweren es, so eine häufig zu hörende Beschwerde, noch ein kommodes Reiseziel zu finden.

          Kurzfristig mag dies der Fall sein, wenn ganze Regionen nur noch sehr risikofreudigen Zeitgenossen als Ziele plausibel erscheinen. Doch langfristig tragen auch außergewöhnliche und katastrophale Ereignisse dazu bei, dass nicht weniger, sondern mehr Destinationen zur Auswahl stehen.

          Erschreckendes statt Erbauliches erschließen

          Schon vor einiger Zeit haben Tourismusforscher darauf aufmerksam gemacht, dass sich eine besondere Branche der Reiseindustrie darauf spezialisiert hat, Erschreckendes statt Erbauliches touristisch zu erschließen. Das Repertoire des „Dark Tourism“ umfasst Stätten, die an Massenmord, Verfolgung und andere Verbrechen erinnern ebenso wie Kriegsdenkmäler und ehemalige Katastrophengebiete. Die Erinnerungsstätte in Auschwitz zählt dazu, aber auch der Besuch der „Killing Fields“ der Roten Khmer in Kambodscha.

          Die Berliner Historikerin Stefanie Schäfer hat anhand eines einschlägigen Beispiels nun detailliert untersucht, wie eine dem dunklen Tourismus zugehörige Sehenswürdigkeit entstanden ist: das japanische Hiroshima, das 1945 durch den ersten Einsatz einer Kernwaffe durch die Vereinigten Staaten beinahe völlig zerstört wurde. Anhand archivierter Dokumente und der Berichterstattung kann die Autorin zeigen, dass die Verwandlung in eine touristische Destination erstaunlich früh begann.

          Bereits zwei Jahre nach dem Bombardement entwickelte der lokale Tourismusverband die Idee eines jährlichen Friedensfestivals und ging bald einen Schritt weiter, indem er die Einrichtung einer ständigen Gedenkstätte empfahl. Eine hierzu durchgeführte Bevölkerungsumfrage schlug eine ehemalige Ausstellungshalle, deren Mauern und charakteristisches Kuppeldach die Explosion und den anschließenden Feuersturm überstanden hatten, als markante Sehenswürdigkeit vor. Daraus wurde der bekannte „Atomic Bomb Dome“.

          Zu denjenigen, die eine touristisch motivierte Konservierung von Ruinen empfohlen hatten, gehörte nicht zuletzt die amerikanische Besatzungsmacht. Der für Fragen des Wiederaufbaus zuständige Major erkannte das kommerzielle Potential einer Erinnerungsstätte und drängte die Verantwortlichen, auf die völlige Tilgung aller Spuren des Atombombenabwurfs zu verzichten. Mit dieser einzigartigen Attraktion wurde Hiroshima zu einer wichtigen Station einer Japan-Reise – und zum „Mekka des Weltfriedens“. Hiroshima lässt sich deshalb – wie andere Ziele des „dunklen Tourismus“ – nicht als rein nationale Erinnerungsstätte auffassen. Die Orientierung an den Interessen des globalen Tourismus spielte von Beginn an eine entscheidende Rolle.

          Offensives Marketing schadet der Authentizität

          Doch inner- wie außerhalb Japans zogen diese Aktivitäten auch Kritik auf sich. Das amerikanische Time Magazine zum Beispiel kritisierte, Hiroshima habe sein Schicksal in eine Unterhaltungsindustrie verwandelt. Gleichzeitig vermieden offizielle Werbematerialien in Hiroshima die Assoziation mit touristischen Aktivitäten. In den Selbstdarstellungen der Gedächtnisstätten sprach man sehr allgemein von „Besuchern“ – ganz im Gegensatz zu den Planungsdokumenten und Gesprächsprotokollen, in denen offen das touristische Potential thematisiert wurde.

          Warum wird diese offensichtliche Touristifizierung geleugnet oder verschleiert? Schäfer argumentiert, die Touristen selbst hätten ein Problem damit, wenn die „Authentizität“ des Ortes durch zu offensives Marketing beschädigt würde. Die ironische Haltung, mit der man in Paris eine Miniatur des Eiffelturms in den Einkaufskorb legt, könne man in Hiroshima nicht einnehmen. Die Verschleierung der touristischen Inszenierung würde demnach auf einer Art Komplizenschaft zwischen den Anbietern und den Touristen beruhen.

          Es gibt sicherlich Besucher solcher Orte, die Probleme mit einer offensiven Kommerzialisierung haben. Dies muss jedoch nicht Folge einer besonderen Präferenz für Authentizität sein, es könnte einfach daran liegen, dass es Kriterien der Stimmigkeit für unterschiedliche touristische Arrangements gibt. Man würde sich wundern (oder gar empören), wenn in Hiroshima Jürgen Drews aufträte. Aber manche wären wohl ebenso entsetzt, wenn am Ballermann eine Weltfriedenszeremonie abgehalten würde.

          Die dunkle Seite des Tourismus hat ihre eigene Faszination und ihre eigenen Spielregeln. Aber das bedeutet nicht, dass ein Souvenir des „A-Bomb Dome“ am Ende nicht doch neben dem Schiefen Turm von Pisa oder dem Eiffelturm im Regal stehen könnte.

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