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Essverhalten von Schulkindern : Von wegen Suppenkasper

  • -Aktualisiert am

In einer aktuellen Studie wurde untersucht, inwiefern sich ein schichtspezifischer Habitus im Essverhalten von Grundschulkindern beobachten lässt. Bild: dpa

Die feinen Unterschiede der sozialen Schichten zeigen sich bereits in der Schulkantine – der Soziologe Pierre Bourdieu stellte fest: Mitglieder einer sozialen Klasse teilen kulturelle Vorlieben sowie auch Geschmacksurteile.

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          Mitglieder einer sozialen Klasse, so stellt der französische Soziologe Pierre Bourdieu in seinem Buch „Die feinen Unterschiede“ fest, leben nicht nur in ähnlichen ökonomischen Verhältnissen, sondern teilen auch kulturelle Vorlieben und Geschmacksurteile. Ob man am Silvesterabend Beethoven hört oder doch lieber Helene Fischer, ob man zur Hummerschere greift oder zur Fonduegabel, hängt vom Lebensstil ab, von einem durch soziale Schichten geprägten Habitus.

          Der Habitus ist Folge einer Sozialisation in einem bestimmten Milieu, das wesentlich durch die soziale Stellung der Familie bestimmt ist. Üblicherweise stellt man sich mehr oder weniger stabil ausgebildete Verhaltensdispositionen von Erwachsenen vor. Weil die entsprechende Sozialisation spätestens mit der Geburt beginnt, sollten sich deren Effekte bereits recht früh einstellen.

          In einer aktuellen Studie untersucht ein italienischer Soziologe, inwiefern sich ein schichtspezifischer Habitus im Essverhalten von Grundschulkindern beobachten lässt. Der Forscher Filippo Oncini hat in zwei Schulen im norditalienischen Trentino über acht Monate mit den Schülerinnen und Schülern an den Mahlzeiten teilgenommen und Gespräche über das Essen protokolliert. Informationen über die Berufe der Eltern waren eine Orientierungshilfe, um ihren sozialen Hintergrund einzuschätzen.

          Nicht alle Schüler können ihre Einschätzung begründen

          Die Untersuchung liefert Belege für einen schichtspezifischen Habitus in mindestens drei Dimensionen: hinsichtlich des gastronomischen Horizonts, der Kenntnisse über gesunde Ernährung und der Tischmanieren. Wer meint, dass sich das gastronomische Wissen der meisten Kinder in einem eng gefassten Bereich zwischen Schnitzel und Spaghetti bewegt, wird durch die Studie eines Besseren belehrt.

          Die Erwartung, dass zumindest die Kinder aus höheren Schichten durch ihren familiären Hintergrund mit vielfältigen kulinarischen Angeboten in Berührung kommen, wird bestätigt. Sie kennen viele, selbst exotische Nahrungsmittel, teilweise von zu Hause, oft aber aus ihren Ferien. Einige haben schon Schnecken und Paella probiert, manche sogar Krokodilfleisch.

          Auf Nachfrage konnte ein Zweitklässler aus besserem Hause differenziert Auskunft geben über das Restaurantangebot am Ort der familiären Ferienwohnung. Kinder aus Arbeiter- und Handwerkerhaushalten wussten von Pizzerien und Restaurants in der Nähe ihrer Wohnung – aber außerdem, dass ein Besuch meist nicht möglich, weil zu teuer ist. Nicht ganz dem entsprechend, was Bourdieu als den „Notwendigkeitsgeschmack“ der Unterschicht bezeichnet, formulierten diese Kinder gelegentlich Bedauern darüber, dass ihre Familien sich bestimmte Nahrungsmittel nicht leisten können.

          Bei allen Schülern ist davon auszugehen, dass Kenntnisse über gesunde Ernährung auf dem Lehrplan stehen. Aber auch in diesem Bereich wirkte es sich bei Kindern aus privilegierten Schichten aus, dass in ihren Familien das Thema offenbar mehr diskutiert und vertieft wird. Zwar konnten alle Schüler zwischen „guten“ und „schlechten“ Nahrungsmitteln unterscheiden, aber nur ein Teil von ihnen war in der Lage, diese Einschätzungen zu begründen.

          Ein Sohn eines Buchhalters und einer Kindergärtnerin erläuterte beispielsweise die Probleme einer Mahlzeit bei „McDonald’s“, indem er sich auf das Konzept einer „verkehrten“ Ernährungspyramide bezog.

          Bei den Tischmanieren schließlich zeigten sich nicht nur Unterschiede darin, ob die Mahlzeit unter den Vorzeichen angemessener Etikette oder spielerischen Genusses gesehen wird, sondern auch in der Einordnung eigener und fremder Bewertungen. Sobald sie sich an Filippo Oncini gewöhnt hatten und ihn nicht mehr als Aufsichtsperson wahrnahmen, alberten Schüler aus Familien der Arbeiterklasse gerne herum.

          Auch bei den Tischmanieren zeigten sich Unterschiede

          Kinder aus Angestellten- und Akademikerhaushalten hingegen stellten in Gegenwart eines Erwachsenen ihr Wissen über Tischmanieren demonstrativ zur Schau, inklusive der Zurechtweisung ihrer Tischnachbarn. Rücksicht auf den Soziologen nahmen sie ebenfalls bei der Beurteilung: Als dieser das Essen lobte, erläuterten sie detailliert die Schwächen und führten die abweichende Meinung des Erwachsenen mit wohlwollendem Verständnis darauf zurück, dass er eben hungrig gewesen sei. Ein Kind aus dem Arbeitermilieu hingegen wies die positive Bewertung des Forschers mit nicht zitierfähigen Formulierungen zur Essensqualität zurück.

          Insgesamt ergibt sich aus der Studie das Bild, dass Kinder aus sozioökonomisch bessergestellten Familien einen bewussteren Umgang mit Nahrung pflegen. Die kulinarische Raffinesse der Mittel- und Oberschichtkinder hat aber nicht zuletzt damit zu tun, dass sie schärfer beobachten, was andere – insbesondere Erwachsene – von ihnen erwarten. Ob ihnen deren Empfehlungen tatsächlich besser schmecken, steht auf einem anderen Blatt.

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