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Diagnose der Entfremdung : Der Tourismus auf dem Prüfstand

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Manch ein Landstrich wäre ohne Tourismus deutlich schöner. Bild: dpa

Im Zuge der Industrialisierung und der Mobilität muss jede Region damit rechnen, als Reiseziel entdeckt zu werden. Überlegungen über nicht-einlösbare Sehnsüchte und den Tourismus als Ware.

          Die Liste der Übeltaten, die man dem Tourismus zurechnen kann, ist lang. Von Beginn hatte er mit dem Verdacht zu kämpfen, dass er seine eigenen Grundlagen zerstört: Je mehr die Welt touristisch erschlossen wird, desto mehr verschwinden ebenjene Unterschiede und Besonderheiten, für die sich Touristen vermeintlich interessieren. In jüngerer Zeit wurden zudem die ökologischen Folgen des Reisens deutlich: Bausünden und Naturzerstörung in touristischen Destinationen gehen einher mit hohem Ressourcenverbrauch durch den Transport der Touristenmassen.

          Mit der Feststellung, dass der Tourismus seinen schlechten Ruf redlich verdient hat, beginnt der italienische Journalist Marco d’Eramo seine Überlegungen zur seiner Meinung nach „wichtigsten Industrie des Jahrhunderts“. Regelmäßig gehen selbst in industrialisierten Ländern mehr als zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts auf touristische Aktivitäten zurück. In touristisch bedeutsamen Ländern und Städten übersteigt die Zahl der Besuche die Zahl der Einwohner. Doch die Industrialisierung beschränkt sich nicht auf äußere Merkmale des Reisens. Vor sechzig Jahren bereits konstatierte Hans Magnus Enzensberger in seiner „Theorie des Tourismus“, dass der moderne Tourismus sein Versprechen einer Flucht aus der industriellen Welt nicht eingelöst und stattdessen die Reise selbst zur Ware gemacht habe.

          Wachsende „Altstadt“

          Die primäre Technik, um die Welt touristisch zu erschließen, ist die soziale Konstruktion von Sehenswürdigkeiten. „Sightseeing“ aber meint, die von anderen gemachten Erfahrungen und Bewertungen nachzuvollziehen. Schon sehr früh führte dies zu Enttäuschungen. D’Eramo illustriert dies anhand der Kommentare desillusionierter Touristen: Mark Twain, der sich über den schlechten Zustand von Leonardo da Vincis „Abendmahl“ mokierte, trifft auf die Reiseplattform Tripadvisor, wo Angkor Wat, das Kolosseum und Auschwitz in ähnlicher Weise kommentiert werden: Die Attraktion entpuppte sich demnach als ein „Haufen ulkiger Felsen“, „enttäuschte“ oder bot ein „Nichts gegen Bezahlung“.

          Doch das Verblassen historischer Sehenswürdigkeiten ist nicht zwangsläufig. Die chinesische Stadt Lijiang, deren pittoreske „Altstadt“ ein Tourismusmagnet ist, wurde 1996 durch ein Erdbeben beinahe vollständig zerstört, aber ein Jahr später von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Mit finanzieller Unterstützung internationaler Institutionen wurde daraufhin eine neue „Altstadt“ errichtet: Alte und beschädigte Häuser wurden entweder entkernt oder gleich abgerissen und durch „falsche“ traditionelle Häuser ersetzt. Den Geschmack der Touristen scheint man getroffen zu haben: Die Zahl der Besucher pro Jahr stieg von knapp zwei Millionen Mitte der 1990er Jahre auf über zwanzig Millionen im Jahr 2013. Parallel dazu, so notiert ein Reiseführer, wächst auch die „Altstadt“ – jedes Jahr.

          Angesichts derartiger Entwicklungen erscheint es beinahe unausweichlich, den Tourismus geringzuschätzen oder sogar an ihm zu verzweifeln. D’Eramo setzt dagegen das Argument, dass die Tourismuskritik fälschlicherweise die Einheitlichkeit der touristischen Praxis voraussetzt und damit von der faktischen „Hierarchie der Verachtung“ absieht. Es macht einen Unterschied, ob die Reise durchgetaktet oder flexibel ist, ob sie an leicht oder schwer zugängliche Orte führt und ob sie kurz oder lang ist. Darin, dass es unzählige Positionen gibt, von denen aus man die jeweils anderen für ihre Präferenzen und Handlungen verachten kann, ist der Tourismus ein „Vergrößerungsglas der Gesellschaft“.

          Erweiterter Horizont bleibt oft aus

          Das gilt nicht zuletzt für die Diagnose der „Entfremdung“, die mit der Industrialisierung des Tourismus ebenso verbunden ist wie mit der Industrialisierung der Produktion. Der Tourist ist nur noch Abnehmer, nicht mehr Produzent von Erfahrungen. Aber die Entfremdung des Touristen, so d’Eramo, sei immerhin eine selbst gewählte und allein deshalb schon ein Fortschritt gegenüber der auferlegten Entfremdung der Arbeitswelt. Und überhaupt: Was sei die Alternative? Gibt es überhaupt allen zugängliche Möglichkeiten, die Freizeit sinnvoller zu gestalten?

          Die Freiwilligkeit des Ortswechsels ist aber auch ein wesentlicher Grund dafür, dass der Tourismus die Hoffnung auf neue Erfahrungen und Einsichten so oft enttäuschen muss: Eine Horizonterweiterung, die vielen als selten eingelöstes Versprechen des Tourismus gilt, stellt sich ein, wenn man nicht nur kurzzeitig an einen anderen Ort verfrachtet, sondern gleich in ein anderes Leben geworfen wird. Sie dürfte deshalb eher eine Folge von Migration als von Tourismus sein.

          Es wäre allerdings ohnehin falsch, die Konsequenzen des Tourismus allein bei den Touristen zu suchen. Mindestens ebenso bedeutsam wie die zunehmende Zahl der Reisenden ist die Tatsache, dass praktisch jeder Mensch und jede Region damit rechnen muss, bereist zu werden. Wer nach Lerneffekten sucht, wird hier eher fündig werden als bei den Touristen selbst.

          d’Eramo, M. (2018). Die Welt im Selfie: Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters. Berlin: Suhrkamp.

          Enzensberger, H. M. (1964). Eine Theorie des Tourismus, In ders., Einzelheiten I. Bewusstseins-Industrie. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

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