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Fortschritts-Glosse : Sieg der Praktiker

Keine leichte Aufgabe: Wo müssen die Gewichte an den Speichen sitzen, damit das Rad möglichst schnell die schiefe Ebene hinunter rollt? Bild: Maxime Derex

„Wissen ist Macht“ heißt es oft. Dass technologischer Fortschritt aber auch ohne theoretisches Verständnis funktioniert, zeigt nun eine Studie. Eine Glosse

          Dass die Fähigkeit, technologische Lösungen zu finden, nicht unbedingt etwas mit dem Vorliegen eines theoretischen Problemverständnisses zu tun hat, wird uns im Alltag immer wieder nahegelegt. Da muss man nur einmal einen Vertreter der „Generation Smartphone“ um Hilfe im digitalen Raum bitten, und man ist erstaunt, wie effizient selbst diejenigen agieren, die schon dann überfragt sind, wenn sie den Unterschied zwischen Software und Hardware erklären müssen.

          Sibylle Anderl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Und trotzdem geben wir uns immer wieder gerne der Illusion hin, die erstaunlichen technologischen Errungenschaften der Menschheit müssten etwas mit unseren bemerkenswerten kognitiven Fähigkeiten zu tun haben, die uns ermöglichen, die Welt in Ursachen und Wirkungen aufzugliedern. Dass dies ein Fehlschluss ist, hat nun eine internationale Gruppe von Forschern in „Nature Human Behaviour“ dargelegt.

          Versuch und Irrtum im Laborexperiment

          Mit 140 französischen Studenten simulierten sie einen technologischen Optimierungsprozess über mehrere Generationen hinweg, indem jeweils fünf Teilnehmer nacheinander die beste Einstellung für ein physikalisches System finden sollten. Das zu optimierende Experiment war ein an seiner Achse aufgehängtes Rad, das möglichst schnell eine ein Meter lange schiefe Bahn hinabrollen sollte. Am Rad kreuzförmig angebracht waren vier Speichen, auf denen frei beweglich Gewichte steckten.

          Um die optimale Position dieser Gewichte zu finden, hatte jeder Student fünf Versuche. An den nachfolgenden Experimentator wurden dann die Konfigurationen der beiden letzten Testläufe mit den entsprechenden Laufzeiten weitergegeben. Tatsächlich erhöhte sich die Geschwindigkeit des Rades über die aufeinanderfolgenden Generationen von Testern hinweg deutlich. Galt dies aber auch für das Verständnis des Experiments?

          Ist die Lösung des Problems gefunden?

          Zwei physikalische Prinzipien spielen für das Problem eine Rolle: Je näher sich die Gewichte an der Drehachse befinden, desto kleiner das Trägheitsmoment, desto größer die Geschwindigkeit. Und je höher die Gewichte auf der anfänglich vertikalen Achse angebracht sind, desto höher liegt das Massezentrum des Rades, desto mehr potentielle Energie kann in Bewegungsenergie umgesetzt werden.

          Falsche Hypothesen vererbt

          Indem die Wissenschaftler das Verständnis dieser beiden Mechanismen nach jeder Experimentalrunde bei den Studenten abfragten, wurde deutlich, dass das Rad mit jedem Durchgang zwar schneller wurde, die Studenten aber nicht schlauer. In einem zweiten Experiment erlaubten die Forscher den Studenten, nicht nur ihre experimentellen Ergebnisse, sondern auch ihre theoretischen Hypothesen an den Nachfolger weiterzugeben. Diese Variation änderte wenig am Ergebnis. Im Gegenteil, vererbte falsche Hypothesen behinderten teilweise sogar den Erkundungsdrang der Folgenden.

          Ein Fazit der Wissenschaftler: Man sollte vorsichtig sein, von der Komplexität archäologischer Funde auf hochentwickelte kognitive Fähigkeiten zu schließen. Alltagspraktisch kann das Resultat vielleicht auch für Nichtarchäologen interessant sein.

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