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Luhmann und die Historiker : Das System steht noch immer für Unterbrechung

  • -Aktualisiert am

Aloys Winterling schrieb seine Dissertation über Tanzvergnügungen am Hof des Kölner Kurfürsten Clemens August, hier ein solches auf einem Gemälde des Hofmalers Rousseau. Bild: AKG

Historiker sind Wissenschaftler, die sich in ihren Routinen ungern irritieren lassen. Aloys Winterling hat trotzdem versucht, den Fachkollegen die Systemtheorie Niklas Luhmanns nahezubringen.

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          In einem Interview mit dem Religionssoziologen Detlef Pollack gab Niklas Luhmann 1991 freimütig Auskunft zu seiner soziologischen Poetologie: „Ich denke primär historisch“, stellte er da unumwunden fest, „das heißt, ich muss immer zugeben können, dass in älteren Gesellschaften bestimmte Aussagen nicht gelten.“ Das Bekenntnis des Systemtheoretikers zur Historizität seiner Beobachtungen stand als Motto über einer Abschiedstagung, die an der Berliner Humboldt-Universität zu Ehren des in den Ruhestand scheidenden Althistorikers Aloys Winterling veranstaltet wurde. Wie kein Zweiter in seinem Fach hat dieser immer wieder versucht, Anregungen aus der Systemtheorie aufzunehmen und seine Kollegen vom Wert einer Beschäftigung mit ihr zu überzeugen. Schon 2012 veranstaltete er auf dem Mainzer Historikertag eine Sektion unter der Überschrift „Funktionale Differenzierung in der römischen Antike“. Zehn Jahre später lautet der Titel noch umfassender: „Systemtheorie & Antike Gesellschaft“.

          Winterling, der ursprünglich aus der Frühen Neuzeit kommt, über den Hof des Kurfürsten von Köln promoviert wurde und seine Kenntnisse dann auf die antike Aula Caesaris übertrug, gab eingangs als ehrgeiziges Ziel der Tagung vor, die historische und die systemtheoretische Seite zusammenzuführen. Bislang habe die Geschichtswissenschaft mit einer starken Zurückhaltung auf die als „konservativ“ und „hyperkomplex“ verschriene Theorie reagiert und damit einen inspirierenden Gesprächspartner außer Acht gelassen. Andersherum habe Luhmann selbst immer wieder die Frage nach Strukturveränderungen gestellt und Gesellschaftsentwicklungen auf ihre Differenz von vorher und nachher untersucht. Das zeige sich beispielsweise schon an Luhmanns Gespür für die Problematik moderner Selbstbeschreibungen durch Begriffe wie „Volk“ oder „Souveränität“, die ursprünglich dazu entwickelt wurden, um Programmatiken durchzusetzen, nicht um Zustände zu beschreiben. Winterlings dialektische Leitfrage lautete sodann: Was bekommt man in und was gerät aus dem Blick, wenn man vormoderne Gesellschaften unter der Perspektive der Systemtheorie betrachtet?

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