https://www.faz.net/-gwz-a741m

Soziologie des Brexit : Eine Insel mit zwei Lagern

  • -Aktualisiert am

Wer mit „Leave“ stimmte und wer mit „Remain“, hing im Referendum vielleicht weniger von der Wirtschaft ab, als von Kultur und Nation. Bild: AP

Der Brexit ist ein Unglücksfall mit weniger sozialem als vielmehr kulturellem Hintergrund. Die wirtschaftliche Lage oder die Zusammensetzung der Bevölkerung spielt eine kleinere Rolle als Fragen der Nation.

          3 Min.

          Bereits zu einem frühen Zeitpunkt der Brexit-Verhandlungen stellte der EU-Chefunterhändler Michel Barnier fest, dass im Ergebnis keine der beiden Seiten besser dastehen würde als vorher: Es handele sich um eine „Lose-lose“-Situation. Das kurz vor dem Austritt ausgehandelte Handels- und Kooperationsabkommen wurde zwar allseits begrüßt, doch angesichts der zahlreichen Kompromisse und der zu erwartenden praktischen Komplikationen wird es kaum Anlass geben, Barniers Einschätzung zu korrigieren.

          Insbesondere für Großbritannien sind wirtschaftliche Einbußen durch den Brexit – trotz gegenteiliger Versprechen und Verheißungen – unvermeidlich. Angesichts dieser eher negativen Bilanz stellt sich die Frage, warum das Vorhaben nicht nur in einem Referendum von der Mehrheit befürwortet wurde, sondern nach wie vor ein Großteil der britischen Bevölkerung dahintersteht – selbst wenn die Kosten immer deutlicher vor Augen geführt werden.

          Als Motive für den Brexit werden oft Entwicklungen angeführt, die auch für den Aufstieg populistischer Bewegungen und Parteien in Westeuropa und Nordamerika verantwortlich gemacht werden, der ökonomische Abstieg von Regionen etwa, deren Industrien im globalen Wettbewerb nicht mehr bestehen können, und das Aufbegehren gegen eine Politik, die diesen Niedergang zugelassen oder sogar befördert habe. Die für viele Beobachter überraschende Brexit-Entscheidung hat allerdings deutlich gemacht, dass nicht nur die Ausgeschlossenen oder Marginalisierten hinter ihr stehen. Unterstützung fand der Austritt auch unter jenen, die man nicht als Globalisierungsverlierer bezeichnen kann und für die eher das Versprechen zählte, der Austritt bringe politische und kulturelle Eigenständigkeit zurück.

          Wirtschaft oder Nationalismus?

          Eine Studie in der Fachzeitschrift „British Journal of Sociology“ begreift diese Varianten der Brexit-Befürwortung als Hinweise auf zwei unterschiedliche Erklärungsansätze: Der eine sieht den Brexit als eine Revolte der wirtschaftlich Benachteiligten, der andere als Ausdruck eines neu erstarkten englischen Nationalismus.

          Ob sozioökonomische Deprivation oder nationalistische Ideologie den Ausschlag gaben, wird anhand einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage geprüft, die zwischen 2016 – dem Jahr des Brexit-Referendums – und 2018 durchgeführt wurde. Die Daten geben nicht nur Aufschluss über die Einstellung zum Brexit und deren Zusammenhang mit der ökonomischen Lage und ideologischen Haltung der Befragten in den einzelnen Haushalten, sondern auch über mögliche Einflüsse der Wohnregion, wie zum Beispiel den Anteil an Einwohnern mit Migrationshintergrund.

          Anhand des Wohnorts kann die Rolle ökonomischer Deprivation auch mit Blick auf spezifische regionale Entwicklungen untersucht werden. Im Zusammenhang mit wirtschaftlicher Globalisierung gehört hierzu zum Beispiel der „Chinese import shock“, in dessen Folge lokale Industriearbeitsplätze verlorengingen. Doch weder die regionale Betroffenheit durch den globalen Wettbewerb noch soziale Indikatoren wie Arbeitslosigkeit korrelieren sonderlich stark mit einer Pro-Brexit-Einstellung. Dies gilt auch für den Anteil der im Ausland Geborenen: In Regionen mit einer durch Migration geprägten Bevölkerung ist der Anteil der „Leaver“ nicht höher als anderswo, sondern tendenziell sogar geringer. Nur wenn die Zuwanderung in den letzten Jahren zugenommen hat, verstärkt dies die Zustimmung zum Brexit. Insgesamt spielt ökonomische Benachteiligung bei der Brexit-Frage offenbar keine so starke Rolle wie häufig angenommen.

          Brexit als hauptsächlich englisches Anliegen

          Deutlicher als der ökonomische Faktor fällt der kulturelle ins Gewicht: Für den Brexit sprechen sich am deutlichsten jene Befragten aus, die ihre nationale Identität für sehr wichtig halten - insbesondere, wenn sie diese als „englisch“ definieren. Dass der Brexit kein britisches, sondern vor allem ein englisches Anliegen ist, überrascht nicht.

          In Schottland zum Beispiel fand er keine Mehrheit. Der Zusammenhang zwischen Austrittsneigung und einem partikularistischen Weltbild wird noch an einem weiteren Punkt deutlich: Den Brexit befürwortet, wer sich nur für einen kleinen, auf populäre Genres beschränkten Ausschnitt der Kultur interessiert. Sogenannte kulturelle „Allesfresser“, deren musikalische, literarische und sonstige kulturelle Vorlieben breit gestreut sind, finden sich hingegen überwiegend im Lager der „Remainer“.

          Es überrascht nicht, dass die Bedeutung kultureller Orientierungen mit einer gewissen Fluktuation einhergeht. So konnte die Umfrage, auf die in der Studie zurückgegriffen wird, das Ergebnis des Referendums nicht reproduzieren: Unter den Befragten bildeten die „Remainer“ mit 51,5 Prozent die Mehrheit. Dies erinnert daran, dass die Brexit-Entscheidung sicherlich durch sozioökonomische und kulturelle Faktoren geprägt wurde, letztlich aber auch vom Zufall des Zeitpunktes abhing, zu welchem die Entscheidung getroffen werden musste.

          Chan, Tak Wing; Henderson, Morag; Sironi, Maria; Kawalerowicz, Juta (2020): Understanding the social and cultural bases of Brexit. In: The British Journal of Sociology 71 (5), S. 830-851.

          Weitere Themen

          So funktionieren FFP2-Masken Video-Seite öffnen

          Videografik : So funktionieren FFP2-Masken

          FFP2-Masken schützen in der Corona-Pandemie erwiesenermaßen besser vor einer Infektion als einfache Masken. Doch um die volle Wirksamkeit zu erreichen, müssen Träger manches beachten.

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson am 25. Januar in London mit einer Dosis des Corona-Impfstoffs von Astra-Zeneca

          Großbritannien und die EU : Auch ein Impfstoff kann Beziehungen vergiften

          Großbritannien fasst Überlegungen der EU, die Impfstoff-Ausfuhr zu kontrollieren, als Drohung auf – und als Bestrafung für Lieferprobleme von Astra-Zeneca. Diese könnten auch mit dem niedrigen Preis zusammenhängen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.