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Soziologie der Erstsemester : Die Neureichen der Bildung

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Tor zum Bildungshimmel: Durch das Sather Gate gelangt man auf den Campus der University of California in Berkeley. Bild: AP

Woran Förderkurse für Erstsemester bei Studenten aus nichtakademischen Familien häufig scheitern. Eine amerikanische Studie liefert die Antwort.

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          Wenn eine Gruppe einen Neuling aufnimmt, dann folgen daraus Lernerfordernisse. Der Neuling kann nicht gleich zu Beginn dieser Lernzeit so auftreten wie diejenigen, die schon länger dabei sind. Deren Erwartungen aneinander könnte er nicht erfüllen, und deshalb steht er unter den besonderen Erwartungen einer eigenen Rolle, eben der des Neulings. Deren Konturen, die man an Kindern, am neuen Kollegen, aber auch an Neubürgern und Neureichen gleichermaßen studieren kann, sind soziologisch oft beschrieben worden: Teils erzieht man den Neuling zu Formalismus und Überanpassung, indem man ihm allerlei Regeln einschärft, auf die es nach voller Gruppenanerkennung gar nicht mehr ankommen wird; teils reagiert man auf seine Fehltritte und Wissenslücken mit besonderer Nachsicht und Toleranz. Der Neuling ist nicht nur faktisch unwissend, er soll auch als Unwissender auftreten. Er soll beispielsweise Fragen stellen – und schon damit die überlegene Autorität der Älteren anerkennen.

          Auch die Erstsemester der amerikanischen Eliteuniversitäten sind Neulinge, und zwar im doppelten Sinne. Alle sind neu auf dem Campus und darin gleich. Aber der exklusiven Bildungsschicht, für welche dieser Typus von Universität einsteht, gehören einige der Studenten von Hause aus an, während die anderen sie als Neulinge, nämlich als Aufsteiger aus bildungsfernen Schichten oder sozial benachteiligten Gruppen erreicht haben. Beides schafft Probleme, aber da die Probleme mit der unvertrauten Studentenrolle ungleich leichter zu thematisieren sind als die Probleme mit dem gleichfalls unvertrauten Schichtstatus, wird auch diese zweite Problemgruppe bevorzugt in der Sprache der ersten behandelt.

          Ein soziologisch uninformierter Blick auf das Problem

          Vor allem die Universitätsleitung stellt sich vor, dass die Neureichen der Bildung vor allem darunter leiden, sich in der Welt der Vorlesungen und Seminare nicht auf Anhieb zurechtzufinden. Die Problemlösung wird daher in kompensatorischer Rollenschulung für diejenigen gesehen, die es als Erste ihrer Familie in eine Einrichtung dieser Art geschafft haben. Noch ehe das Semester beginnt, werden sie zu einer Reihe mehrtägiger Förderkurse eingeladen, die soziale und kognitive Hürden der neuen Situation ansprechen und nach Möglichkeit aus dem Weg räumen sollen.

          Die amerikanische Erziehungswissenschaftlerin Rachel Gable hat nun eine Auftragsforschung zu diesem Thema vorgelegt. Interviews mit Gruppen von Bildungsaufsteigern aus Harvard und Georgetown sollten ermitteln, wo diese selbst die Schwierigkeiten ihrer Lage sehen und mit welcher Art von Abhilfe ihnen gedient wäre. Da die Autorin sich mit den Förderkursen und ihren Zielen identifiziert, laufen ihre Vorschläge auf eine Perfektionierung der auch jetzt schon praktizierten Maßnahmen hinaus. Ein Beispiel: Denjenigen Studenten, die in der Zeit der Förderkurse lieber arbeiten wollen, um Geld zu verdienen, sollte man den Verdienstausfall ersetzten und denjenigen, die das Hindernis primär in den Anreisekosten sehen, ebendiese. Auch die Hürden vor dem Hürdenbeseitigungsprogramm sollen also beseitigt werden. Das ist ein honoriges Ziel, aber keine wissenschaftlich fruchtbare Perspektive.

          Besser Tom Wolfe lesen als diese Untersuchung

          Die für Soziologen leicht erkennbaren Grenzen und Folgeprobleme dessen, was auf diese Weise erreicht werden kann, treten eher im ausgebreiteten Interviewmaterial sowie in den ersten Rezensionen der Untersuchung hervor. Eine deutliche Grenze liegt darin, dass offizielle Förderkurse sich nur mit offiziell anerkannten Schwierigkeiten befassen können. Aber ob die Aufsteiger wirklich in erster Linie unter ihrem Unwissen leiden, was Sprechstunden sind, wozu man sie nutzen könnte und wie die korrekte Anrede für Professoren lautet? Machen sich die Unsicherheiten des Sozialaufsteigers nicht eher in den geselligen Interaktionen bemerkbar? In der vielleicht besten Erzählung zu diesem Thema, Tom Wolfes „I am Charlotte Simmons“, spielen die Lieblingsthemen der Förderkurse jedenfalls keine Rolle. Stattdessen scheitert die Bildungsaufsteigerin vom Lande an den Komplikationen ihres Nachtlebens.

          Das Folgeproblem der Kurse liegt darin, dass sie nur bedarfsgerecht sein können, wenn sie exklusiv an die Benachteiligten adressiert sind. Die Selbstbewussten unter den so Angesprochenen sehen darin eine Stigmatisierung. Die Anerkennung im zweifelhaften Range des Nachhilfeschülers ist ihnen begreiflicherweise unwillkommen.Offenbar fehlt der modernen Gleichstellungspolitik ein Äquivalent zur alten Sündenlehre. Diese hatte nämlich den bedeutenden Vorteil, davon auszugehen, dass in einer in die Erbsünde verstrickten Welt kaum einer ohne Schuld ist. So kann man auch niemandem, der zur Beichte geht, nachsagen, er habe es offenbar nötig.

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