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Streit um Autopsie : Noch niemals in New York

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Zu Fuß pilgerte Präsident Donald Trump am 1. Juni 2020 vom Weißen Haus zu St. John’s Episcopal Church in Washington, um eine Bibel in die Kamera zu halten. Was ist für Annika Brockschmidts Thema des politischen Einflusses der religiösen Rechten durch Augenzeugenschaft zu lernen? Bild: DOUG MILLS/The New York Times

Der Angriff des amerikanischen Journalisten Matthew Karnitschnig auf die Bestsellerautorin Annika Brockschmidt ist ein Anlass, über die empirischen Grundlagen zeithistorischer und politischer Literatur nachzudenken.

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          Die Publizistin Annika Brockschmidt hat einen Bestseller geschrieben über den Einfluss der „Religiösen Rechten“ in den Vereinigten Staaten („Amerikas Gotteskrieger“, Rowohlt). Der Rezensent der F.A.Z., der Theologe Benjamin Dahlke von der Katholischen Universität Eichstätt, lobte die Darstellung als facettenreich und gab zur Methode der Autorin an: Sie „wertet zahlreiche Quellen aus, stützt sich außerdem auf bereits vorliegende wissenschaftliche Studien“. Doch hat sie für ihr Buch über Gottes sogenanntes eigenes Land das Land nicht betreten. Das hat jetzt Matthew Karnitschnig, der Europakorrespondent des digitalen Nachrichtenmagazins „Politico“, durch Nachfrage bei ihr herausgefunden und ihr in einem Artikel sowie auf Twitter vorgehalten. Er kritisiert, dass Brockschmidt auf Interviews und andere Erhebungen aus erster Hand verzichtet hat, und stellt den Expertenstatus, den sie in den deutschen Medien genießt, infrage.

          Die Invektive bietet allerhand Stoff für dichte Beschreibungen transatlantischer Diskurslagen. Ein Springer-Organ kritisiert die empirischen Methoden wissenschaftsnaher Demokratiebeobachtung. Und ein US-Amerikaner erblickt in der Warnung einer Deutschen vor dem Einfluss ultrareligiöser weißer Kreise eine „Hetzschrift“ gegen sein Land, die vor allem deshalb auf Resonanz stoße, weil sie den deutschen „Antiamerikanismus“ bediene. Karnitschnigs Vorwurf der liberal-progressiven Schreibstubengelehrtheit imitiert zudem ironischerweise die Kritik an den westlichen Vermessungsweisen, Degenerationsbeschreibungen und Defizienzanalysen aus der Ferne, die subalterne und postkoloniale Stimmen aus dem globalen Süden geübt haben.

          Zeitgeschichte ohne Zeitreise

          Die Getadelte hat erwidert, sie habe eine zeithistorische Studie verfasst, keine Reportage. Diverse Kollegen sekundierten der Historikerin auf Twitter mit methodologischen Einlassungen. Politikwissenschaftler erklärten, eine Reise nach Amerika sei noch keine empirische Sozialforschung. Historiker führten aus, über das Ende des Zweiten Weltkriegs geforscht zu haben, aber noch nie im Jahr 1945 gewesen zu sein. Jenseits der politischen Polemik gibt die Kontroverse Anlass für eine öffentliche Debatte über sozialwissenschaftliche Empirie und die Rolle der historischen Methode. Muss man aus eigener Anschauung kennen, was man zu analysieren versucht?

          Dieser Frage entkommt man nur scheinbar, wenn die Gegenstände vergangen und nur über Repräsentationen vergangener Wirklichkeit, genannt Quellen, zugänglich sind. Selbstverständlich ist es nötig, Quellen aus eigener Anschauung zu kennen, nicht nur vom Hörensagen, „zitiert nach“ der Presse oder Forschungsliteratur (außer bei Archäologen, die ihre Funde minutiös dokumentieren, damit andere Forscher mit ihnen arbeiten können). Historiker müssen die Repräsentationen vergangener Wirklichkeit möglichst aus erster Hand betrachten, um sie korrekt interpretieren und kontextualisieren zu können. So haben ihre Reisen durch den Raum meist den Zweck, in die Vergangenheit zu reisen, jene zurechtgestutzte Vergangenheit, die Archive bewahren.

          Zudem stehen der Zeitgeschichte die Zeitzeugen zur Verfügung. Sie könnten in Befragungen jene „Informationen aus erster Hand“ liefern, die Karnitschnig bei Brockschmidt vermisst. Journalisten nennen diese Personen „Quellen“. Als solche wie als „Zeitzeugen“ der Historiker scheinen sie Authentizität zu verbriefen. Qualitativ arbeitenden Sozialwissenschaftlern dient ein ähnlicher Typus von Person im Interview als Empirie. Und Annika Brockschmidt hätte, als Historikerin und als Journalistin, solche Personen natürlich online befragen können. Doch das Gros der Zeithistoriker verzichtet in der Forschung auf die Arbeit mit Zeitzeugen, und zwar aus quellenkritischen Gründen, die auch die Belastbarkeit qualitativer Interviews zweifelhaft erscheinen lassen. Quellen, die als Zeugnisse der empirischen Wirklichkeit entstehen, sind Antworten auf Fragen – und diese Fragen zu verstehen ist mit Hans-Georg Gadamer der Kern des historischen Arbeitens. Wer aber seine „Quellen“ interviewt, gibt die Fragen vor, die sie beantworten, und konstruiert damit gewissermaßen den Gegenstand selbst, der eigentlich ergründet werden soll.

          Wenn Quellen aus erster Hand dort konsultiert werden können, wo die Analyse stattfindet, muss man nicht nach New York, um über New York zu schreiben. Selbst die Position des Korrespondenten bietet nur eine Perspektive der Wirklichkeit, die zwar dem Publikum Eindrücke von der Atmosphäre des Ortes vermitteln kann, nicht aber notwendig eine zuverlässigere Analyse einzelner Probleme liefert. Karnitschnig hat Brockschmidt mit Karl May verglichen. Überspannt man den Imperativ der eigenen Anschauung, dann wäre letztlich auch zu fragen, was Karnitschnig, der schon für Bloomberg, Reuters, „Business Week“ und das „Wall Street Journal“ als Deutschlandkorrespondent tätig war, nach zwanzig Jahren Abwesenheit empirisch dazu befugt, über aktuelle Verhältnisse in den Vereinigten Staaten Auskunft zu geben.

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