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Sprachgeschichte : Sprechen Sie Nostratisch?

Bild: F.A.Z.

Die babylonische Sprachverwirrung gibt es wirklich – sie ist das Ergebnis von Jahrtausenden. Trotzdem sind wahrscheinlich sämtliche Sprachen der Welt miteinander verwandt. Die Frage ist, ob sich das nachweisen lässt.

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          Am Pfingsttag, so berichtet die Apostelgeschichte, kam mit dem Heiligen Geist auch eine plötzliche Mehrsprachigkeit über die Jünger. Jedenfalls meinten die Bewohner des multiethnischen Jerusalems, Petrus und Kollegen in ihrer jeweils eigenen Muttersprache reden zu hören: Aramäisch, Griechisch, Persisch, Medisch, Elamitisch, Phrygisch, Ägyptisch und Latein. Die geistliche Geste zielte auf die alttestamentarische Erzählung, nach der einst alle Menschen dieselbe Sprache benutzt hätten, bis sie als Strafe für ihren Baufrevel zu Babylon einander plötzlich nicht mehr verstanden.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auch in der außerbiblischen Antike war man von der Existenz einer Ursprache überzeugt. Herodot berichtet, Pharao Psammetich I. (663 bis 610 v. Chr.) habe Kleinkinder in Isolation aufwachsen lassen, um zu sehen, in welchem Idiom sie zu reden begännen. Aufgrund eines methodischen Fehlers kam er auf Phrygisch. Von mindestens zwei weiteren Herrschern sind ähnliche Versuche überliefert. In jenem, den Jakob IV. von Schottland (1473 bis 1513) befahl, sollen die Kinder schließlich auf Hebräisch parliert haben. Realistischer ist hingegen, was der Franziskaner Salimbene von Parma über das Kinderexperiment des Stauferkaisers Friedrich II. (1194 bis 1250) berichtet: Die Kleinen starben aus Mangel an Zuwendung.

           Kommt man hier mit modernen Mitteln weiter? Tatsächlich befasst sich heute ein eigener Forschungszweig mit der Geschichte der Sprachen und versucht, sie zurückzuverfolgen. Dabei gestatten es linguistische Methoden, bis in die Jungsteinzeit vorzustoßen.

          So stellen sich die Verfechter einer tief zurückreichenden historischen Linguistik die Verwandtschaft der indigenen Sprachen der Welt vor.

          Einige Forscher aber glauben, das gehe noch viel weiter. Etliche von ihnen kommen aus Russland oder aus dem Umkreis des amerikanischen Linguisten Joseph Greenberg (1915 bis 2001) von der Stanford University und sind im Projekt „Evolution of Human Language“ (EHL) am Santa-Fe-Institut in New Mexico aktiv. Die Bilder auf dieser Seite zeigen den jüngsten Stand ihrer Hypothesen. Demnach gehöre Deutsch als indoeuropäische Sprache zu einer fast ganz Eurasien umspannenden Superfamilie, dem „Nostratischen“, und wäre dadurch weitläufig mit dem Türkischen, Japanischen und sogar dem Eskimo verwandt. Die rätselhafte Sprache der Basken hingegen sieht das EHL-Projekt als Spross der dené-kaukasischen Superfamilie näher am Chinesischen.

          Viele Experten halten das bestenfalls für Spekulation, und die Debatte darüber ist nicht frei von schrillen Tönen. So schimpfte etwa der australische Linguist Robert Dixon, die Vertreter weitreichender Sprachverwandtschaften unterböten das Niveau dessen, was gute Wissenschaft ist, „bis an die Grenze zum Schwachsinn“, während Vitaly Shevoroshkin von der University of Michigan die Kritik an Greenberg und Co. als „plump und unehrlich“ abqualifizierte. Shevoroshkin allerdings hält es sogar für möglich, alle Sprachen der Erde als Abkömmling einer einzigen altsteinzeitlichen Sprache zu erweisen.

          Nicht bei Adam und Eva anfangen

          „Es ist definitiv nicht das Ziel der EHL-Forschungen, die Sprache von Adam und Eva zu rekonstruieren“, heißt es dagegen in einem 2014 verfassten Bericht aus Santa Fe. Dabei war schon die biblische Sicht auf das Thema Sprachgeschichte nicht völlig frei von Empirie. Schließlich gibt und gab es untereinander verschiedene Sprachen, die trotzdem mehr oder weniger große Ähnlichkeiten zeigen. Und mit den romanischen Sprachen stand den Gelehrten seit dem Mittelalter ein Fall vor Augen, in dem solche Ähnlichkeit ihren Grund unbezweifelbar in einer gemeinsamen Abkunft hatte - der vom Latein.

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