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Ein Spannungsverhältnis : Und so was darf wählen!

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Politisches Desinteresse hat individuelle Konsequenzen: Etwa beim Einkommen oder beim sozialen Stand – zu einer Exklusion aus dem politischen System führt es aber nicht. Bild: dpa

Nicht jeder kann den normativen Erwartungen einer „Wissensgesellschaft“ gerecht werden. Trotzdem haben auch Ahnungslose demokratische Rechte, selbst wenn sie noch ihre Ahnungslosigkeit ignorieren.

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          Wer unsere Gesellschaft eine „Wissensgesellschaft“ nennt, macht immer eine empirische und normative Aussage. Empirisch, weil die wissenschaftlich-technische Komplexität dieser Gesellschaft unbestreitbar von ebenso komplexen Wissensbeständen geprägt ist. Das betrifft Berufsausbildungen ebenso wie politische Entscheidungen, die Orientierung im Alltag genauso wie die Abstimmungen in Expertengremien.

          Aus dem empirischen Befund folgt aber auch gleich der normative: Den Anforderungen der Wissensgesellschaft durch eine ihr entsprechende Lebensführung sei zu genügen. Man könnte diese Erwartung auf den Begriff der kognitiven Ambition als Leitfaden der gesamten Biographie bringen. Der geläufige Terminus des lebenslangen Lernens reicht da gar nicht, weil er eigentlich zu sehr auf Beruf und Bildung beschränkt ist.

          Lernen heißt ja mehr, es bedeutet, dass man sich in seinem Leben im Wesentlichen auf Erlerntes verlassen soll, also auf erworbenes Wissen. Man soll sich nicht von bloßen Meinungen leiten lassen, sondern von Überprüfungen, nicht von schlichten Überzeugungen, sondern von begründbaren Argumenten. Geltungsansprüche müssen zwar schon immer kommunikativ vermittelbar sein, um in der politischen Arena Bestand zu haben. Stärker als je zuvor aber müssen sie auf die Rückfrage vorbereitet sein, welches fundierte Wissen ihnen zugrunde liegt.

          Spannungsverhältnis innerhalb der Wissensgesellschaft

          Wer also etwa den Klimawandel oder auch nur dessen Dramatik bestreitet, obwohl er keine wissenschaftlichen Fakten zur Unterstützung seiner Skepsis heranziehen kann, muss damit rechnen, dass man an seinem Verstand zweifelt. Wer sich einen starken Nationalstaat zurückwünscht, dem wird entgegnet, ob er denn nicht wisse, dass der Nationalstaat in Zeiten der Globalisierung obsolet geworden ist. Und wer für die Privilegierung des klassischen Familienmodells von Vater, Mutter und Kind ist, muss mit der Frage nach der Möglichkeit anderer Familienformen rechnen.

          Nun gibt es aber unbestreitbar auch Menschen, die den normativen Erwartungen der Wissensgesellschaft nicht gerecht werden. Die also solche wie die obigen Fragen mit einem Schulterzucken beantworten und sagen: Mir doch egal, ich bleib trotzdem bei meinen Überzeugungen. Manche verweigern sich den Ausbildungserwartungen schon in der Schule, andere verfügen schlicht nicht über die dafür notwendigen kognitiven Fähigkeiten.

          Das wird dann zwar individuelle Konsequenzen haben, etwa beim Einkommen oder beim sozialen Stand, aber es wird nicht zu einer Exklusion aus dem politischen System führen. Auf dieses Spannungsverhältnis innerhalb der Wissensgesellschaft hat jetzt Rudolf Stichweh hingewiesen: Die Gesellschaft favorisiere einen Ausbau des Sekundarschulwesens und der Hochschulen, unter anderem weil sie sich davon die Heranbildung informierter Bürger verspreche, müsse andererseits uneingeschränkte Partizipationsrechte auch denen einräumen, die kein Wissen und keine Bildung im Sinne von Schul- und Hochschulbildung besitzen.

          Trügerische Hoffnung

          „Das Wahlrecht für Analphabeten“, so Stichweh pointiert, „steht in modernen politischen Systemen außer Frage.“ Außer Frage steht aber auch, dass unter den tatsächlich informierten Bürgern die Hoffnung wächst, dass nicht nur die Analphabeten, sondern eigentlich alle nichtinformierten Mitbürger eines Tages verschwinden werden. Wozu sonst leben wir in einer Wissensgesellschaft?

          Dies dürfte eine trügerische Hoffnung sein. Die demokratische Universalisierung des Zugangs zu politischen Partizipationsmöglichkeiten und die Unterstellung des Verfügens über dafür relevantes Wissen habe ein „unbestreitbar kontrafaktisches Moment“, so Stichweh. Die Lernunfähigen und Lernunwilligen werden nicht lernen, dass sie die politische Arena besser den Gebildeten überlassen sollten.

          Jeder weiß etwas, keiner weiß genug

          Im Gegenteil: Sie lernen eher, dass man auch durch Nichtwissen politisch höchst inkludiert sein kann. Starke Überzeugungen bis zum Hass reichen da völlig aus. Wer mehr fühlt als weiß, wer mehr ablehnt als versteht, wer mehr angreift als vermittelt, findet in der Politik auch in der Beschränkung auf die Zuschauerrolle eine dankbare Bühne. Könnte es sogar sein, dass die Politik schon zur Arena der Kompensation geworden ist, wo noch Geltungsansprüche erhoben werden können, die nicht auf Wissen, sondern auf Gefühlen und Kultur basieren?

          Stichweh versucht sich trotzdem an so etwas wie einer staatsbürgerlichen Rettung der Reflexion, wenn er den Bürger als jenes Gesellschaftsmitglied identifiziert, das selbst zugibt, eigentlich gar nicht mehr wirklich informiert zu sein. Jeder weiß etwas, keiner weiß genug. Oder gar alles. Eher wissen wir alle immer weniger. Die Diagnose der Wissensgesellschaft ist also eine Defizitdiagnose, so Stichweh ganz sokratisch. Aber argumentiert der Soziologe Stichweh nicht selbst normativ, wenn er die Demokratie für jene reklamiert, die es schaffen, einen „reflektierten Umgang mit der unauflösbaren Spannung von Wissen und Nichtwissen“ zu pflegen? Und wer nicht reflektiert, bleibt der dann besser draußen?

          Rudolf Stichweh: Wissen und das politische System, Oktober 2019, abrufbar auf Academia.de

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