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Internationale Sicherheit : Wie sich Geheimdienste ähneln

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Kennt jeder aus dem Kino: Die Lobby der CIA-Zentrale n Langley, Virginia Bild: AFP

Bisher haben sich Soziologen eher wenig mit Geheimdiensten beschäftigt - nun stellen sie heraus, was Sicherheitsexperten, Spione und Militär in der Praxis gemein haben.

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          Es gehört zu den Kernaufgaben von Geheimdiensten, andere Geheimdienste auszuforschen, meist in feindlicher Absicht. Aber warum sollten Soziologen Geheimdienste erforschen? Um nachzuweisen, dass sie gar nicht so geheimnisvoll sind, sondern ganz normale Behörden? Aber trägt man damit schon zu einer „Entmystifizierung“ von Geheimdiensten bei? Sophia Hoffmann, Noura Chalati und Ali Dogan vom Berliner Leibniz-Zentrum Moderner Orient (ZMO) jedenfalls sind davon überzeugt. Es gebe seit einigen Jahren eine soziologische Schule der Geheimdienstforschung, so ihre These, die diese Dienste mit ihrer Geheimnistuerei und ihren verdeckten Aktionen öffnen könnte für eine politische Reform. Aber sind Geheimdienste überhaupt reformbedürftig?

          Diese Dienste waren bisher kaum Gegenstand soziologischer Analysen. Wenn, dann beschäftigten sich Politikwissenschaftler mit geheimdienstlichen Aktivitäten und deren Auswirkungen auf die internationalen Beziehungen. Der methodologische Rahmen dieser Forschung war bisher der Nationalstaat: Geheimdienste sind demnach Instrumente nationalstaatlicher Eigeninteressen, denen sie zu dienen haben. Zwangsläufig folgt daraus, dass sich die Dienste verschiedener Nationen gegenseitig misstrauen und nur als letzte Möglichkeit überhaupt miteinander kommunizieren würden. Nun ist aber dieser Ansatz aus der Politikwissenschaft selbst heraus kritisiert worden. Obwohl längst zahlreichen empirischen Studien der Nachweis gelungen sei, dass dieses internationale Teilen von Wissensbeständen nicht nur üblich sei, sondern sogar den Kern des internationalen Systems der geheimdienstlichen Kooperationen ausmache. Das ist ein an sich schon bemerkenswerter Befund. Aber unterstellt, es gibt diese Beziehungen tatsächlich: Wären sie nicht eher erklärbar aufgrund gemeinsamer politischer Interessen ihrer eventuell sogar befreundeten Regierungen?

          Ein ähnliches Grundverständnis

          Die soziologische Geheimdienstforschung dagegen erklärt Kooperation der Dienste aus deren Gemeinsamkeiten als Organisationen. Hoffmann, Chalati und Dogan schlagen dafür drei in der Soziologie etablierte Ansätze vor: epistemische Gemeinschaften, die Theorie sozialer Felder von Pierre Bourdieu und das Konzept der Wissenszirkulation. Wenn man etwa von Geheimdienstmitarbeitern als Angehörige epistemischer Gemeinschaften spricht, sollte sofort klar werden, dass diese Gemeinschaften keine nationalen Grenzen hätten, sondern Netzwerke von Spezialisten formten, die eine gemeinsame Expertise und Kompetenz in einer bestimmten geheimdienstlichen Disziplin hätten. Sofort fällt hier die Ähnlichkeit solcher Netzwerke mit denen in akademischen Disziplinen auf. Man teile in diesen Gemeinschaften vor allem „normative und kausale Überzeugungen“, wie man die typischen Problemstellungen in ihren Aufgaben zu lösen habe. Warum ist das bemerkenswert? Weil man damit einen Anhaltspunkt hätte, warum transnationale Zusammenarbeit von Geheimdiensten sich gewissermaßen aufdrängt. Ein gemeinsamer „epistemischer Rahmen“ ihrer Arbeit könnte als Grundvoraussetzung für eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit interpretiert werden, ohne die, so die Autoren, ausländische Geheimdienstmitarbeiter die Tätigkeit anderer Dienste gar nicht genug verstehen könnten, um erfolgreich zu kommunizieren.

          Das Gleiche gelte für die Ausprägung eines für ein soziales Feld typischen Habitus: Es existiere in Europa mittlerweile eine transnationale „Gilde“ oder Zunft von Sicherheitsexperten aus Geheimdiensten, Militär und Sicherheitsbehörden, deren Solidarität nicht dem Nationalstaat gelte, sondern den Mitgliedern ihrer Gilde, die den gleichen Habitus teilten.

          Wertvolles Wissen

          Innerhalb dieser Kreise zirkuliere ein enormer Bestand an institutionellem und operativem Wissen, das sich vor allem aus Technologien sowie Risiko- und Bedrohungsszenarien zusammensetze. Natürlich seien dabei die geteilten Erwartungen an die Geheimhaltung dieses Wissens eine notwendige Voraussetzung dafür, dass dieses Wissen überhaupt transnational in Bewegung gerate. Dennoch fordere dieser Ansatz, das Wissen von Geheimdiensten aus der Praxis des Teilens zu verstehen, und nicht aus jener des misstrauischen Abschirmens.

          Mit der soziologischen Geheimdienstforschung, so die Autoren, könne man unter anderem besser erklären, warum Geheimdienste oft bestimmte Bedrohungsszenarien priorisierten, während sie andere in ihrer Bedeutung übersehen oder zumindest politisch für nicht opportun bewerten. Das wäre ein äußerst wertvolles Ergebnis dieser Forschung.

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