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Soziologie des Unterschieds : Die Crux der Individualität

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Die Stadt Jodhpur im indischen Bundesstaat Rajasthan wird auch die „blaue Stadt“ genannt - einst waren blaue Wände der obersten Kaste, den Brahmanen, vorbehalten, aber viele haben diesen Brauch adaptiert. Bild: AFP

Soziologen analysieren, warum sich Menschen gerne voneinander unterscheiden. Doch wie machen sie das eigentlich?

          3 Min.

          Im Alltag gehen wir von der Grundannahme einer gegebenen menschlichen Unterschiedlichkeit aus. Menschen sind nicht gleich, sondern verschieden. Sonst wären wir weder Individuen, noch könnten wir uns als Angehörige von größeren Zusammenhängen – wie Geschlechter, Ethnien oder Altersgruppen – verstehen. Doch wie machen wir das? Wie unterscheiden wir Menschen voneinander? Wenn man dies grundsätzlich anginge, wäre das eher ein Gegenstand der Kognitionslehre. Oder, empirisch gesehen, der Geschichtswissenschaft, die dann mit historisch-genetischen Erklärungen beispielsweise beantworten könnte, warum die indische Gesellschaft die Menschen in Kasten teilte, die osmanische nach Religionen und die amerikanische nach Hautfarben.

          Die Soziologie dagegen fragt nach einer systematischen Erklärung dieser Einteilung. Der Mainzer Soziologe Stefan Hirschauer schlägt dafür den Begriff der Humandifferenzierung vor. Er versteht darunter die sozialen Prozesse, welche die Kategorien, Eigenschaften und Mitgliedschaften, anhand derer sich die Gesellschaftsmitglieder unterscheiden, erst hervorbringen. Humandifferenzierung, so Hirschauer, sei ein Prozess der Abstandsvergrößerung. Eine Unterscheidung gruppiere Personal, das sie mit Interessen und Wertungen besetze und als kontrollierte Grenze aufrechterhalte. Differenzierung sei also kein irgendwie evolutionär ablaufender Prozess der Selbstteilung einer Gesellschaft, sondern ein laufendes „Ausein­anderdriften“.

          Die Theorie besagt: Der Normalfall ist die Ambiguität, also die „Noch-nicht-Unterschiedenheit der Dinge, ihre Unbestimmtheit und Mehrdeutigkeit“. Die Praxis hingegen, also der gesellschaftliche Normalfall, ist allerdings eigentlich ein ständiger Wettlauf von Gleichheit und Ungleichheit. Die Politik etwa postuliert die Gleichheit und die Gleichbehandlung der Bürger, die Wirtschaft baut jedoch auf ihre ökonomische Ungleichheit, und die Kultur wiederum zelebriert die Anerkennung ihrer Verschiedenheit als Diversität. Die moderne Gesellschaft erwartet von ihren Mitgliedern darum ein hohes Maß an vor allem sprachlicher Differenzierungskompetenz: Man muss stets informiert sein, welche Unterscheidungen kulturell gerade privilegiert werden und welche bereits ihre soziale Legitimität verloren haben. Auch darin unterscheiden sich Menschen, woraus sich natürlich auch wieder soziale Distinktionsgewinne erzielen lassen.

          Asymmetrie ist nicht unausweichlich

          Doch warum ist es so schwierig, bestimmte Humandifferenzierungen gänzlich verschwinden zu lassen? Wenn sich Unterscheidungen sprachlich sozusagen aufdrängen, weil sie soziale Ordnung schaffen und dann etwa durch ungleiche Machtverteilungen verfestigt werden, wäre die permanente Neuschaffung von Ungleichheit gewissermaßen ein schicksalhafter Wesenszug von menschlichen Gesellschaften. Eine Gesellschaft der Gleichen wäre dann schon in der Theorie unwahrscheinlich. Hirschauers Ideen zur Humandifferenzierung legen dies nahe, weil menschliche Kategorisierungen dazu tendieren, Distinktionsgewinne zu suchen.

          Man unterscheide sich selbst nicht nur von den anderen, man sehe sich auch lieber auf der besseren Seite. Unterscheidungen liefern Gewinner und Verlierer, deswegen seien sie umkämpft. Es falle leicht, sie politisch aufzuladen. Kurz: Die Humandifferenzierung hat ein großes Potential für Asymmetrien. Das liege an ihrer unausweichlichen Perspektivität, so Hirschauer: Es sind immer Personen, Gruppen, soziale Kollektive, die andere Personen, Gruppen und Kollektive von sich oder im Gegensatz zu sich unterscheiden. Asymmetrie sei zwar nicht unausweichlich, aber „latent darin angelegt, dass Unterscheidungen zugleich Selbstverortungen“ sind.

          Die soziologisch interessanteste Frage ist, ob es eine immanente Tendenz der Humandifferenzierung zu einer Eskalation der Asymmetrisierung gibt. Würde man diese Frage nur aus der Perspektive der Sprache oder der Sozialpsychologie betrachten, könnte man durchaus zu diesem Schluss kommen. Dann würde aus Distinktion rasch Devaluierung, und Diskriminierung steigerte sich zur Stigmatisierung bis hin zu rassistischen Praktiken der Entmenschlichung.

          Der soziologische Ansatz aber kann diese Logik der Abweichungsverstärkung korrigieren, indem er zum einen nach den sozialen Ungleichheiten forscht, welche die Humandifferenzierung schwächen oder verstärken können. Außerdem legt Hirschauer den Fokus seiner Arbeit auf den Aufbau von Unterscheidungen, nicht auf deren Abbau. Die Gesellschaft verfüge schließlich auch über Repertoires der „Differenznegation“, welche die Prozesse der Humandifferenzierung bremsten, abschwächten und sogar in Indifferenz münden lassen könnten. Der politische Name dafür lautet: demokratischer Pluralismus.

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