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Leere Theater : Nicht schon wieder Schiller!

  • -Aktualisiert am

Kein Stück wurde so häufig in NRW aufgeführt wie „Kabale und Liebe“ von Schiller. Bild: Max Kesberger

Was verursacht den Zuschauerschwund der Theater? An mangelnder Innovation scheint es nicht zu liegen, doch zu viele neue Stücke bleiben Eintagsfliegen.

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          Wie innovativ sind Deutschlands öffentliche Bühnen? Für die Kultursoziologie ist das eine schwierige, aber empirisch durchaus erforschbare Frage, die allerdings bisher noch nicht gestellt wurde. Maria Glasow und Thomas Heinze haben diese Lücke jetzt mit Daten der Theater- und Werkstatistiken des Deutschen Bühnenvereins schließen können. Ihr Fokus liegt exemplarisch auf den öffentlich finanzierten Bühnen Nordrhein-Westfalens, da hier der Besucherschwund im untersuchten Zeitraum von 1995 bis 2018 doppelt so hoch ausfiel wie im nationalen Durchschnitt. Die Autoren verbinden dieses „Krisensignal“ mit dem empirisch belegten Befund der Überalterung des Publikums: Verlieren die Theater Zuschauer, weil sie zu viel Altes zeigen und Neuem keine Chance geben?

          Natürlich ist die Annahme, die Theater könnten sich durch die Aufnahme vor allem neuer Stücke jüngerer Autoren auch neue und entsprechend jüngere Publikumsschichten erschließen, nicht beweisbar. Allerdings ist die Neuheit eines Stückes der einzige messbare Indikator für einen halbwegs wissenschaftlichen Zugang zur Frage der Innovationskraft in der künstlerischen Praxis. Allerdings könnte man auch fragen, ob die Krise der Theater gar nichts mit der künstlerischen Seite ihres Angebots zu tun hat, sondern eher mit ökonomischen Gründen oder dem konkurrierenden Angebot etwa des Kinos oder der wachsenden Zahl der Streamingdienste.

          Unbestreitbar jedenfalls ist Besucherrückgang: In NRW sanken die Besucherzahlen seit 1995 um 21 Prozent, die der Abonnements sogar um 36 Prozent. Dabei stieg im selben Zeitraum die Anzahl der gespielten Stücke um 38 Prozent, darunter die der Erst- und Uraufführungen um 26 Prozent. Überhaupt habe die Zahl neuer Stücke durchaus zugelegt. Die Autoren formulieren daraus zunächst die Hypothese, je mehr Aufführungen ein Theater in der Spielzeit habe, desto mehr Raum müsste es in seinem Spielraum für Neuerungen geben. Weiter vermuten sie, Experimentierfreude könnte etwas mit Abhängigkeit von Betriebseinnahmen zu tun haben: Je mehr Abonnenten, desto weniger Neuerungen, während höhere staatliche Subventionen die Innovationslust einer Bühne steigern sollten.

          Klassiker blieben Platzhirsche

          Aber was zeigen die Bühnen in NRW am meisten? Sie führen zwar viel Neues auf, aber das verschwindet auch schnell wieder. Uraufführungen bleiben eher Eintagsfliegen, die es nur sehr selten schaffen, sich im Repertoire der Theater zu etablieren. Das am häufigsten gespielte neuere Stück war „Norway Today“ aus dem Jahr 2000 des heute 58-Jährigen Schweizer Autors Igor Bauersima, das es auf immerhin 369 Aufführungen brachte. Doch damit schaffte nicht einmal einen Platz unter den Top 20: Da lag nämlich Friedrich Schiller ganz vorne mit 892 Aufführungen von „Kabale und Liebe“, dicht gefolgt von Shakespeare, Brecht und Lessing. Selbst die „Antigone“ des Sophokles brachte es auf fast fünfhundert Aufführungen. Warum schaffen es jüngere Autoren nicht gegen die Athener Konkurrenz aus dem Jahre 442 vor Christus?

          Die Theater setzten auf Masse, also möglichst viele Aufführungen pro Spielzeit. Aber je mehr Stücke gespielt würden, desto mehr neue würden auch aus dem Spielplan gedrängt. Offener für Neues seien dagegen die Bühnen, die weniger Stücke anböten. An der Angebotskrise der Theater könne aber auch dieser Befund nichts ändern: Das Alte dominiere.

          Im Hinblick auf den Zuschauerschwund sei das aber fatal, so die Autoren, denn ausgerechnet bei den neuen Stücken stiegen die Besucherzahlen um 18 Prozent an, während sie bei den älteren im Beobachtungsraum um 12 Prozent gesunken seien. Die Erneuerungsfähigkeit des staatlichen Theatersektors sei dennoch insgesamt zu gering. Es habe zwar seit Mitte der 2000er-Jahre erhebliche Anstrengungen gegeben, neue Stücke auf die Bühne zu bringen, aber keine Verdrängung der Klassiker stattgefunden. Schiller, Shakespeare und Sophokles blieben die Platzhirsche. Daran änderten auch bloße Erhöhungen staatlicher Subventionen nichts. Eher belebe Konkurrenz die Erneuerungskraft. Die Schauspielhäuser in Bochum, Düsseldorf oder Essen seien aufgrund ihrer zentralen Lage untereinander dem höchsten Wettbewerbsdruck ausgesetzt, dem sie offensichtlich durch häufigere Neuerungen entsprächen, was man für Theater in Randlage nicht sagen könnte. Man solle Theater darum nicht schließen, sondern die Konkurrenz unter ihnen erhöhen, folgern Glasow und Heinze. Denn nur wenn alle Theater gezwungen wären, auf Neues zu setzen, könnte man soziologisch von einem neuen kulturellen Muster sprechen.

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