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Soziologie des Reisens : Die scheinbare Freiheit des Touristen

  • -Aktualisiert am

Wenigstens schämen sie sich nicht auch noch: Touristinnen an der Côte d’Azur. Bild: AFP

Jean-Paul Sartre würde heute wohl zu Hause bleiben: Existentialphilosophisch korrektes Reisen war kaum je so schwierig wie im Zeitalter von Flugscham und Instagram.

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          Zu der herbeigesehnten „Rückkehr zur Normalität“ nach der Covid-19-Pandemie gehört die Möglichkeit, verreisen zu können. Der dramatische Rückgang touristischer Aktivitäten markiert einen deutlichen Einschnitt in einem zuvor über Jahrzehnte ungebrochenen Wachstum. Während manche Anwohner touristischer Hotspots diese Pause durchaus als heilsam empfunden haben, erschien sie den Reisewilligen als unerhörte Freiheitsbeschränkung. Bereits erste Lockerungen von Reisewarnungen und -beschränkungen wurden zum Anlass, auf den Reiseseiten der Zeitungen die „schönsten Niedriginzidenz-Destinationen“ anzupeilen. Nun gilt es, unter dem Motto „revenge travel“ das Versäumte (mehr als) nachzuholen.

          Aus Perspektive der Tourismussoziologie kann diese Entwicklung nicht überraschen – trotz ihrer Widersprüche: So mag verwundern, dass ausgerechnet der Urlaub, der den Alltag doch gerade hinter sich lassen soll, zum Fluchtpunkt eines „normalen“ Lebens wird. Dies ist aber insofern nur folgerichtig, als der moderne Tourismus die Flucht vor dem Alltag längst zur – lediglich kurzzeitig suspendierten – Routine gemacht hat. Daran schließt sich die Beobachtung an, dass es die „Freiheit“ des Reisens eher im juristischen als im soziologischen Sinne gibt: Man darf wieder reisen, aber ebendeshalb muss man es auch, wenn man nicht in Erklärungsnöte geraten möchte. Sozial reguliert ist auch die Entscheidung, wohin es gehen soll: So führt die freie Wahl des Reiseziels dazu, dass man auffällig oft auf andere trifft, die offenbar die gleiche Idee hatten.

          Hoffentlich haben Sie Spaß an meinem Urlaub

          In einem kürzlich veröffentlichten Beitrag nehmen britische Tourismusforscher diese Widersprüche zum Anlass, das Verhältnis von Tourismus und Freiheit mithilfe Jean-Paul Sartres zu beleuchten. Sie beziehen sich dabei vor allem auf Sartres Darstellung der „mauvaise foi“, also des „schlechten Glaubens“ beziehungsweise der Unaufrichtigkeit, die durch die Verleugnung individueller Freiheit entsteht. Der Kellner im Café, so Sartres berühmtes Beispiel, der seine Rolle mit bewundernswerter Eleganz verkörpert, kann dies nur „unaufrichtig“ tun, weil er die Erwartungen anderer (über-)erfüllt, nicht seine eigenen. Gilt dies, fragen die Autoren, nicht auch für den Touristen?

          In der Tat lassen sich leicht Beispiele dafür finden, dass die Freiheit des Tourismus nur eine scheinbare ist. So wird nicht nur das Reisen selbst regelmäßig als soziale Verpflichtung erlebt, sondern auch die Art und Weise, wie man diese darstellt. Wer nach Pisa fährt, kommt am Selfie mit dem „Schiefen Turm“ nicht vorbei. Insbesondere durch eindrucksvolle Vorlagen, die über Social-Media-Kanäle zirkulieren, haben sich Erwartungen verbreitet, spezifische Motive – und die Erfahrungen anderer – nachzustellen. Die Hölle, das sind – frei nach Sartre – nicht einfach die anderen, sondern vor allem ihre gut gemachten Bilder auf Instagram. Den Zuspruch der Follower, aber nicht den der Existenzphilosophie sichert sich, wer die eigenen Urlaubserfahrungen stets mit den Augen der anderen sieht und sie dementsprechend arrangiert und inszeniert.

          Flugscham statt Reisefreiheit

          Die Wahl des richtigen Transportmittels zeigt, wie schwierig es sein kann, nicht nur fremden, sondern sogar den eigenen Erwartungen gerecht zu werden. Die Autoren sehen insbesondere Flugreisende in einem „moralischen Dilemma“: Viele individuelle Reisewünsche lassen sich angesichts beschränkter Freizeit nur mithilfe des Flugzeugs realisieren. Dass die dabei ausgestoßenen Treibhausgase die Umwelt belasten und zum Klimawandel beitragen, führt bei manchen Reisenden zu Schuldgefühlen. Viele belassen es dabei, manche versuchen, ihr Gewissen durch eine CO2-Kompensation zu beruhigen - nur wenige verzichten ganz aufs Fliegen. Doch in Zeiten der „Flugscham“ erscheint den Autoren selbst der Verzicht nicht als Garantie, aufrichtig zu handeln. Wer sich unter dem Eindruck der zu erwartenden Kritik von Klimaschützern – möglicherweise aus der eigenen Familie – gegen die Reise zum Traumziel entscheidet, opfert die Realisierung eigener Wünsche dem sozialen Druck.

          Die Ambivalenz und Widersprüchlichkeit des Tourismus werden sich allerdings nicht dadurch auflösen, dass man im Sinne existenzphilosophischer Aufrichtigkeit in Zukunft durch verwackelte Fotos ohne Wiedererkennungswert jene Flugreisen dokumentiert, die man, Greta Thunberg zum Trotz, zur Realisierung der eigenen Identität unternimmt. Realistisch betrachtet sind Konsistenz- und Authentizitätserwartungen an die soziale Rolle des Touristen ohnehin nur gering ausgeprägt. Ob mehr Aufrichtigkeit überhaupt sozial erwünscht ist, kann daher bezweifelt werden: Ist der Ruf erst ruiniert, reist es sich recht ungeniert.

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