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Soziologie der Nacktheit : Die Gaffer am Strand

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Am FKK-Strand kann man auch ungestört nackt Volleyball spielen, wenn einem danach ist. Bild: dpa

Nacktheit ist zwischen Meer und Sonnenschirm keine große Sache, doch in den neunziger Jahren galten am Strand unausgesprochene Regeln, wie der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann eruierte.

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          Es gibt soziale Situationen, die man als „zwanglos“ erlebt. Am Strand oder auf einem Sommerfest gibt es, anders als im Büro und im Gerichtssaal, keine formalen Rollen oder festgelegte Abläufe. Das heißt aber nicht, dass es keine Regeln gibt. Auch auf einer Party hat man eine Vorstellung davon, was die anderen erwarten – zum Beispiel gute Laune. Wo klare Verhaltensvorschriften fehlen, wird das Handeln persönlich zugerechnet. Eben weil es keinen Zwang zur guten Laune gibt, wird sie als Ausdruck der persönlichen Selbstdarstellung behandelt. Das gleiche Handeln kann deshalb unterschiedlich interpretiert werden, je nachdem ob es als Vollzug von Regeln oder als Ausdruck einer eigenen Entscheidung erscheint. Wer am FKK-Strand die Hüllen fallen lässt, macht damit keine Aussage darüber, wie präsentabel der eigene Körper ist. Anders liegt der Fall, wenn Entblößung zwar erlaubt, aber nicht verpflichtend ist.

          An den meisten Stränden gilt spärliche Bekleidung schon lange als banal und unter sittlichen, wenn auch nicht immer unter ästhetischen Vorzeichen als unproblematisch. Doch kann auch eine Frau, die zudem noch das Oberteil ablegt, darauf vertrauen, dass sie damit nicht doch zum Gegenstand sexueller Interessen wird? Wie gelingt es, dass ein nackter Busen am Strand unproblematisch erscheint? Mit dieser Frage hat sich der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann in einer Studie beschäftigt, die man als Ratgeber für den Strandbesuch lesen könnte, vor allem aber als beispielhafte Analyse sozialer Strand-Ordnung.

          Kaufmann und sein Team befragten Mitte der neunziger Jahre an den Stränden der Bretagne und der Normandie rund dreihundert Personen zum Thema „oben ohne“. Mit ihren Fragen stießen sie auf Verwunderung und teilweise auch auf Ablehnung. Manchen war es peinlich, vielen aber einfach zu banal, über das Thema zu reden. Diese Haltung ist jedoch bereits ein zentrales Element der sozialen Strandordnung: Der Banalisierungscode, dass es „alle machen“, wird von den Frauen angeführt, um ihr Handeln zu legitimieren, während die Männer damit ihr scheinbares Desinteresse begründen. Doch die Auskunft, man sehe „beim Anblick eines Busens nur dessen Unsichtbarkeit“, stellt lediglich die kommunikative Benutzeroberfläche der Strandordnung dar.

          Sexuelle Interessen werden in den Hintergrund verschoben, indem der Bereich der legitimen Nacktheit begrenzt wird: „Jeder kann tun, was er will, aber nicht alles ist erlaubt.“ Die Grenzen zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen beziehen sich auf Räume, Verhalten und Ästhetik. Bereits bei der Platzwahl wird eine komplizierte Balance zwischen Nähe und Distanz erwartet: Wer oben ohne in der Sonne liegen möchte, sucht sich einen Platz in einem toleranten Umfeld. Um diese Toleranz gegenüber den bereits Liegenden zu signalisieren, wählt man seinen Platz weder zu nah, denn das wäre aufdringlich, noch zu weit entfernt, denn dies könnte so interpretiert werden, dass man Anstoß nimmt.

          Toleranz gegenüber den Liegenden

          Der sexuelle Motivverdacht ist symmetrisch verteilt: Die Männer werden des Voyeurismus verdächtigt, die zu wenig bekleideten Frauen eines Hangs zum Exhibitionismus. Männer sind daher angehalten, ihre Blicke auf das interesselose Wohlgefallen zu beschränken, um jede Mitteilungsabsicht zu dementieren. Aber auch das Verhalten der Frauen wird strengen Kriterien unterworfen: Zu viel Bewegung gilt als anstößig, weil sie Aufmerksamkeit auf sich und auf den Körper lenkt. Das flache Liegen und der entspannte Gang zum Wasser werden als unbedenklich eingestuft. Mit unbekleideter Brust Beach-Volleyball zu spielen wird dagegen als Provokation empfunden.

          Die Maßstäbe richtigen Verhaltens werden dabei von der Ästhetik abhängig gemacht. Es gibt, so Kaufmann, eine „Diktatur des schönen Busens“: Kritisiert und stigmatisiert wird, und das keineswegs nur von Männern, die Entblößung von Brüsten, deren Volumen, Festigkeit oder Höhe es erschweren, über sie hinwegzusehen. Der „schöne Busen“ ist paradoxerweise der, den man am wenigsten sieht. Das bedeutet vor allem, dass Oben-ohne nicht in jedem Alter statthaft ist. Jedoch herrschte unter den Befragten Einvernehmen darüber, dass gerade, wer sexuell attraktiv ist, sich in Gesten und Bewegungen zurückhalten sollte. Die Strandbesucher tragen mit diesen Regeln der Tatsache Rechnung, dass die Wahrnehmung sich sozial kaum kontrollieren lässt. Deshalb richtet die Normierung sich darauf, die Anlässe für illegitime Aufmerksamkeit zu regulieren.

          Kaufmanns Beobachtungen stammen aus den 1990er Jahren. Seitdem ist die öffentliche Darstellung von Nacktheit, vor allem in den Massenmedien, alltäglicher geworden. Doch am Strand ist die Kleiderordnung wieder züchtiger. Neben der Angst vor UV-Strahlen dürfte eine Rolle spielen, dass sich die Beobachtungssituation durch überall präsente Handykameras verändert hat. Zu viel Nacktheit wird zum Risiko, denn man weiß: Die Disziplinierung der Blicke und das Verkennen des Begehrens funktionieren am Strand, weil Voyeurismus dort zum Thema gemacht werden kann. Vor dem Bildschirm gilt dies nicht.

          Kaufmann, Jean-Claude (1996): Frauenkörper – Männerblicke. Konstanz: UVK.

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