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Soziologie des Erfolgs : Ein früher Tod ist besser für das Nachleben

  • -Aktualisiert am

Zwar kein Wissenschaftler, aber auch ihm war der Erfolg erst postum vergönnt: Vincent van Gogh. Bild: AP

Wer früher stirbt, ist länger erfolgreich. Manche Forschungsarbeiten werden tatsächlich stärker beachtet, nachdem die betreffenden Wissenschaftler verstorben sind. Warum ist das so?

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          Maßvolle Eigenwerbung ist in vielen Berufen statthaft, um die Karriere zu fördern oder Kunden zu gewinnen. In manchen ist sie hingegen verpönt oder sogar untersagt. So ist etwa Ärzten nur die sachliche Information über ihr Angebot, aber keine „anpreisende Werbung“ erlaubt. Diese Einschränkung rührt daher, dass es Berufe gibt, die primär für andere da sind: Der Soziologe Talcott Parsons sprach eine solche „Kollektivorientierung“ den Professionen der Ärzte, Lehrer und Anwälte zu, die bei ihren Entscheidungen das Wohl ihrer Klienten und nicht nur den eigenen Geldbeutel im Blick haben sollten.

          Ähnliche, nicht ganz so strikte Erwartungen gelten auch für die Wissenschaft: Große Entdeckungen mögen Ruhm, selten sogar Reichtum einbringen, doch möchte man den Forschern gerne unterstellen, dass sie nicht etwa auf ihren persönlichen Vorteil aus sind, sondern auf Wahrheit und Wissensfortschritt im Dienste aller. Der Wissenschaftssoziologe Robert K. Merton hob dementsprechend die Uneigennützigkeit („disinterestedness“) als eine der grundlegenden Normen des Wissenschaftsbetriebs hervor.

          Dies bedeutet natürlich nicht, dass Wissenschaftler keine Interessen hätten oder diese nicht verfolgten. Ganz im Gegenteil: Akademische Karrieren hängen in hohem Maße davon ab, dass die Früchte der eigenen Arbeit von anderen anerkannt werden. Das setzt voraus, dass sie überhaupt zur Kenntnis genommen werden – und das ist angesichts der riesigen Zahl von Veröffentlichungen auch bei Spezialthemen eine Herausforderung. Die eigene Arbeit ins rechte Licht zu setzen gehört daher durchaus zum täglichen Brot der Wissenschaft. Und weil Aufmerksamkeit schon die halbe Miete ist, zahlt Eigenwerbung sich oft aus.

          Andere vermarkten Werk besser als man selbst

          Doch was passiert, wenn Wissenschaftler nicht mehr für das eigene Werk werben können? Wenn der Selbstvermarkter stirbt, so die These einer Studie eines Forscherteams vom Massachusetts Institute of Technology, übernimmt der „Verkaufsstab“ der Kollegen diese Aufgabe – und zwar recht erfolgreich. Andere können ein Werk direkter bewerben als der Autor, weil sie scheinbar nicht im eigenen Interesse handeln. Um zu prüfen, ob der frühzeitige Tod eines Wissenschaftlers deshalb die Reputation fördert, untersuchten die Forscher die Zitationskarrieren von über 12.000 Forschern aus den Lebenswissenschaften. Unter ihnen befanden sich 720 Personen, die zu einem Zeitpunkt gestorben waren, als sie noch aktiv forschten. Da es unmöglich ist, für eine bestimmte Person die Zitationskarriere sowohl im Fall eines frühen Todes als auch im Fall des Weiterlebens zu beobachten, muss man unterschiedliche Personen miteinander vergleichen. Für jede Publikation eines verstorbenen Wissenschaftlers wurde daher eine Kontrollgruppe aus Publikationen gebildet, die im gleichen Jahr erschienen und im Hinblick auf karriererelevante Merkmale der Autoren möglichst ähnlich sind. Knapp eine halbe Million Veröffentlichungen bis in das Jahr 2006 gingen so in die Analyse ein.

          Wäre Reputation allein von wissenschaftlichen Meriten abhängig, dürfte ein zufälliges Ereignis wie der Tod keine Rolle spielen. Doch die Ergebnisse weisen auf einen durch den Tod bedingten Zitationsschub hin, der im Durchschnitt mehrere Jahre anhält. In einigen Fällen setzt dieser Effekt bereits vor dem Tod ein: wenn ein Wissenschaftler nicht plötzlich verstorben ist, sondern zum Beispiel infolge einer längeren Krankheit. Der Todesbonus ist größer, wenn ein Wissenschaftler in relativ jungem Alter verstirbt. Er begünstigt außerdem jene Publikationen, die bereits vor dem Tod zu den häufig zitierten gehörten, besonders nachdrücklich aber die zuvor am wenigsten beachteten. Im Lichte des tragischen Ereignisses werden also offensichtlich Werke gewürdigt, die bislang ein Schattendasein gefristet hatten.

          Man könnte die postume Aufwertung für eine gute Sache halten, insofern sie auch die weniger beachteten Werke in den Blick rückt. Aus der Perspektive einer rein an der Sache interessierten Wissenschaft handelt es sich jedoch um ineffiziente Informationsverarbeitung: Angesichts beschränkter Aufmerksamkeitspotentiale ist der postume Bonus des einen schließlich der Malus des anderen: Das Werk noch lebender Wissenschaftler wird entsprechend weniger gewürdigt. Das zeigt sich auch an jenen Texten, die der Würdigung eines wissenschaftlichen Lebenswerks dienen. Derartige Denkmäler gibt es, zum Beispiel in Form von „Festschriften“, auch für lebende Wissenschaftler. Doch wer frühzeitig ablebt, hat deutlich höhere Chancen auf eine solche Würdigung.

          Ein frühzeitiger Tod scheint also vorteilhaft zu sein, um von der Scientific Community gewürdigt und zitiert zu werden. Das mag ineffizient sein, ist aber mit Blick auf die Reputation, die der Person und nicht der einzelnen Publikation zukommt, durchaus fair: Schließlich bedeutet ein früher Tod, dass zahlreiche zitierfähige Werke ungeschrieben bleiben.

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