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Soziologie des Bildungsystems : Freiheit gegen Gerechtigkeit

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Im Mathematikunterricht werden fehlende Voraussetzungen von Schülern schnell offensichtlich. Bild: Bergmann, Wonge

Lehrerempfehlung versus Elternwille: Neues zum ewigen Streit darüber, wer oder was darüber entscheidet, welcher Schüler aufs Gymnasium gehen darf und wer nicht.

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          Konflikte der modernen Gesellschaft kann man auch in kleineren Auseinandersetzungen wiedererkennen. Etwa in der Schule: Aufgrund der Schulpflicht gibt es zu ihr keine Alternative. Aber wie viel Zwang ist bekömmlich? Die Frage wäre leichter zu beantworten, herrschte Einigkeit über den Zweck der Schule. Bildungserwerb, natürlich. Aber ebenso das Feststellen der Eignung für höhere oder niedrigere Bildungswege und auch das Erlernen sogenannter Sekundärtugenden wie Fleiß, Ordentlichkeit und Respekt. Gemeinsam ist all diesen Zielen allerdings, dass sie hinsichtlich des Einsatzes von Zwang keine unmittelbaren Anhaltspunkte geben: Ob sie eher erreicht werden, wenn man die Schüler zur Leistung zwingt, ist eine nicht endgültig beantwortbare Frage.

          Hier bietet sich die wichtige Weichenstellung des Übergangs von der Grundschule in eine weiterführende Schule an. Im internationalen Vergleich zeichnet sich das deutsche Schulsystem bekanntlich dadurch aus, dass die Kinder in den meisten Bundesländern früh auf unterschiedliche Schulformen aufgeteilt werden. Dass es nicht sinnvoll erscheine, die Tauglichkeit für ein Hochschulstudium schon an einem Zehnjährigen erkennen zu wollen, ist gegen diese deutsche Besonderheit immer wieder in Stellung gebracht worden. Noch bedenklicher aber scheint die verbindliche Grundschulempfehlung zu sein, die den Eltern gar keine Wahl lässt, auf welche Schulform ihre Kinder nach der Grundschule wechseln sollen. Schließlich ist bekannt, dass diese Empfehlungen häufig ohne eine standardisierte Leistungsmessung zustandekommen. Dürfen subjektive Bewertungen von Lehrern, die auch noch systematischen Verzerrungen unterliegen, so viel Macht haben?

          Aktuell ist die Empfehlung der Lehrer nur noch in Bayern, Brandenburg und Thüringen verbindlich. In den anderen Ländern können sich die Eltern über eine fehlende Empfehlung für eine höhere Schule hinwegsetzen. Die Befürworter der verbindlichen Empfehlung wenden dagegen ein, dass die Lehrer eher als die Eltern ein realistisches Bild von der Leistungsfähigkeit der Schüler hätten.

          Aber wie statisch ist diese Leistungsfähigkeit? Es sind wiederum die Befürworter der verbindlichen Empfehlung, die den Vorteil der Verbindlichkeit gerade in dem leistungssteigernden Zwang sehen, den sie ausüben: Käme es nicht auf die Noten der vierten Klasse an, würde sich keiner besonders anstrengen. Oder nur solche Schüler, deren Eltern die Empfehlung fürs Gymnasium allein schon aus Prestigegründen haben wollen. Sorgt der Zwang also am Ende doch für mehr Bildungsgerechtigkeit, weil er alle Schüler fordert, und nicht nur die mit besonders ambitionierten Eltern?

          Schulische Kompetenzen deutlich verschlechtert

          Eine neue Studie hat diese Frage jetzt mit Daten des Nationalen Bildungspanels sowie Ergebnissen der Vergleichsarbeiten der Jahrgangsstufe 3 untersucht. Dafür wurden die Leistungen am Ende der vierten Klasse vor und nach der Abschaffung der verbindlichen Empfehlung im Jahr 2012 in den Ländern Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt mit der Entwicklung in solchen Ländern verglichen, die keine Regeländerung vorgenommen hatten. In einem zweiten Verfahren wurde die Leistungsentwicklung eines Jahrgangs von der zweiten zur vierten Klasse in Ländern mit und ohne verbindlichen Empfehlungen verglichen.

          Die Analyse der Daten zeigte, dass sich die Schülerleistungen ohne verbindliche Empfehlungen in allen getesteten schulischen Kompetenzen deutlich verschlechtern: In Mathematik betrug der Effekt zehn bis 14 Prozent einer Standardabweichung, im Lesen sechs bis acht Prozent, im Zuhören neun Prozent und in der Orthographie sogar 20 Prozent. Der Leistungsdruck der verbindlichen Empfehlung verbesserte die Kinder also, aber er erhöhte auch ihre Noten- und Zukunftsangst und verringerte die Lernfreude unter den Viertklässlern in den entsprechenden Ländern.

          Ein klassischer Zielkonflikt also: Will man (kurzfristig) bessere Kompetenzen erreichen und damit (langfristig) weiterführende Schulwege, oder schätzt man zwangsfreie Freude am Lernen generell höher? Immerhin behaupten die Autoren der Studie, dass die zusätzlichen Anstrengungen der Schüler bei einer verbindlichen Empfehlung selbstbestimmt erfolgten und nicht durch Druck der Eltern zustande gekommen wären. Die Studie konnte nämlich keine Unterschiede in den Bemühungen der Eltern finden, also etwa Hausaufgabenkontrolle oder zusätzlichen Privatunterricht. Vielleicht wussten die Schüler am Ende tatsächlich selbst am besten, was sie erreichen wollten und was sie dafür zu leisten bereit sind?

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