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Bedeutung von Medien : Zeitungen haben eine Zukunft!

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Irgendwoher müssen auch Youtuber ihre Informationen nehmen. Bild: dpa

Die Printmedien stecken in einer Krise. Doch der Historiker und Soziologe Michael Schudson gibt auch traditionellen Presseorganen eine Zukunft – zumindest einigen.

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          Für düstere Prognosen über die Zu­kunft der Pressewelt gibt es einen quantitativen Anhaltspunkt: Immer mehr Leser informieren sich lieber im Internet als per Zeitungslektüre, und das dadurch ausgelöste „Zeitungssterben“ ist beunruhigend genug.

          Nun kann man die Leser der Zeitungen nicht nur zählen, sondern auch ge­wichten. Das erste Verfahren setzt als Bedingung der Zählbarkeit die Gleichheit aller Leser voraus, also auch ein künstliches Absehen von allem, was diese Leser sonst noch darstellen und sind. Auch auf die Ungleichheiten in der Größe des Kontaktnetzes der Leser und ihrer eigenen Stellung in ihm kommt es nicht an. Das zweite Verfahren macht diese „demokratische Abstraktion“ wieder rückgängig, und dabei stellt sich heraus, dass einige Zeitungsleser ein ei­genes Publikum haben, das ihrem Ur­teil vertraut. Eine Zeitung, der es ge­lingt, solche einflussreichen Leser an sich zu binden, kann ihren eigenen Einfluss multiplizieren. Da auf diesem Um­weg auch kleine Blätter eine große Wirkung entfalten können, sind Auf­lage und Reichweite nicht das Maß aller Dinge. Das Zentrum des Systems muss nicht besonders groß sein.

          Wer die Influencer sind

          Auf der Suche nach solchen Multiplikatoren hatte die Forschung zunächst nur an die informalen „Meinungsführer“ kleiner Gruppen gedacht. Später kam der Gedanke hinzu, zu den Lesern der einen Zeitung könnten immer auch die Journalisten der anderen gehören, also begann man, sich für die Lieblingszeitungen dieser Berufsgruppe zu interessieren. Seither weiß man, dass es in jedem Land eine winzige Gruppe von überregionalen Blättern gibt, inzwischen alle mit eigener Online-Redaktion, aus denen die Journalisten aller anderen Organe, Rundfunk und Fernsehen eingeschlossen, einen großen Teil ihrer Informationen und Situations­definitionen beziehen. In Deutschland gehören zu diesen sogenannten „Leitmedien“ etwa der Spiegel, die Zeit, die Süddeutsche Zeitung, die F.A.Z.

          Einer der besten Kenner der Ge­schichte des amerikanischen Journa­lismus, der Historiker und Soziologe Michael Schudson von der Columbia University, hat nun ein kleines Buch vor­gelegt, das jene alarmierenden Pro­gnosen einer kritischen Prüfung unterzieht. Während Schudson den in Amerika kaum rezipierten Begriff des Leitmediums nicht verwendet, eignet er sich wie kein anderer, die in lockerer Fol­ge präsentierten Argumente des Bandes zu resümieren. Denn nicht auf die gezählten, sondern auf die gewichteten Leser kommt es ihm an.

          Der „Bürgerjournalist“ ist eine Chimäre

          Schudson erinnert zunächst an ei­nen gesicherten Befund über Inno­vationen wie Schrift, Buchdruck oder Te­lekommunikation. Danach verdrängt das neue Verbreitungsmedium nicht etwa die alten, sondern präzi­siert nur die Bedingungen ihrer Attrak­ti­vität und ihres Gebrauchs. So hat der raschere Rundfunk die Tageszeitung nicht etwa verdrängt, wohl aber hat er sie gelehrt, neben den Nachrichten, die das Publikum immer schon kennt, wenn sie erscheinen, auch die Kommentare dazu zu bieten; auch die Wo­chenzeitungen werden ja nicht um ih­rer Nachrichten willen gelesen.

          Den bestimmenden Einfluss im Bereich dieser Kommentare und Hintergrundinformationen sieht Schudson nach wie vor bei den Profis der Printmedien konzentriert, denen der Gelegenheitsjournalist keine ernst­hafte Konkurrenz mache. Die Bestseller unter den Sachbüchern über Krisen- und Kriegsgebiete stammen nicht von „Bürgerjournalisten“, die allenfalls Situationseindrücke verallgemeinern könnten, sondern von erfahrenen Auslandskorrespondenten.

          Aber nicht nur im Bereich der Kommentare, auch bei den Nachrichten neigt Schudson zu vorsichtigem Op­­timismus. Gewiss gebe es für das Produkt Nachricht unterdessen eine Vielzahl von neuen Verbreitungs­wegen, aber die Produzenten seien doch nach wie vor die alten: der Schwerpunkt der Recherchetätigkeit liege bei Reportern, die für Agenturen und Zeitungen arbeiten. Alle anderen „Quellen“ lebten, was die Herkunft und vor allem die Vertrauenswürdigkeit ihrer Meldungen betrifft, aus zweiter Hand. In Amerika scheint dies, anders als in Europa, bereits für die Fernsehjournalisten zu gelten, auch wenn die Fernsehzuschauer dies nicht immer wissen. Schudson er­läutert dies an folgendem Beispiel: Wenn es Nachrichten über Fehlverhalten im Amt gibt, über die Spitzenpolitiker stürzen, dann stammen sie auch heute noch aus den Zeitungen – und nicht aus dem Fernsehen, das sie allseits bekannt macht. Für den bleibenden Einfluss zuverlässig recherchierter Berichterstattung ist also die bloße Anzahl der Zeitungsleser kein zuverlässiges Maß. Selbst auf einige Blätter mehr oder weniger kommt es Schudson zufolge nicht an. Sollte dies zutreffen, dann wäre es eine schlechte Nachricht für die Zeitungen – und ei­ne gute für den Journalismus.

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