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Soziologie der Pandemie : Heterodoxe Aerosole

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Soweit die Tröpfchen fliegen: Strömungsmechaniker der TU Berlin vermessen Husten und Niesen Bild: Christian Jungeblodt/laif

Schlag nach bei Bourdieu: Die Entzifferung der Covid-19-Pandemie ist auch ein Lehrstück über die Dynamik der Forschung.

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          Die Pandemie hat die Wissenschaft auf eine Probe gestellt, die sie in wichtigen Punkten bestanden hat: Nicht nur konnte das Sars-CoV-2-Virus schnell identifiziert werden, es wurden auch in Rekordzeit mehrere Impfstoffe entwickelt, die bei bislang überschaubaren Risiken und Nebenwirkungen gegen ernsthafte Erkrankung schützen. Im Zuge der Entwicklung dieses Wissens wurden einige Einschätzungen später korrigiert. So musste die Annahme, Covid-19 verbreite sich über Tröpfchen, der Einsicht weichen, dass eine Infektion auch durch kleinere, länger in der Luft schwebende Teilchen, also durch Aerosole, möglich ist.

          Ein britisch-kanadisches Forscherteam hat untersucht, wie Tröpfchen- und Aerosoltheorien entstanden sind und die Empfehlungen der Behörden beeinflussten. Wissenschaftssoziologisch argumentieren sie, dass die Entwicklung wissenschaftlichen Wissens keine schrittweise Annäherung an die Wahrheit darstellt, sondern von sozialen und kognitiven Strukturen sowie von Pfadabhängigkeiten geprägt ist. Bei der Beschreibung dieser Strukturen der Wissenschaft orientiert sich die Studie am französischen Soziologen Pierre Bourdieu: Die Wissenschaft ist ein „soziales Feld“, in dem Akteure mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen um Vorteile und Prestige kämpfen. Kollektive Vorstellungen regulieren, welches Handeln als angemessen gilt und wie Leistungen beurteilt werden. Die herrschende Meinung darüber, was richtig und wichtig ist, also die „Orthodoxie“ eines sozialen Feldes, kommt in der Regel jenen zugute, die privilegierte Positionen innehaben. „Heterodoxe“ Ansichten erscheinen demgegenüber als Abweichungen, die sich ihre Legitimität erst erkämpfen müssen.

          Zuerst zweifelte das Pflegepersonal

          In der Debatte über Ansteckungswege wurde die Theorie, Sars-CoV-2 verbreite sich nicht über die Luft, prominent von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vertreten. Diese Position wurde maßgeblich von einer Expertengruppe zur Infektionsprävention bestimmt, in der hauptsächlich Mediziner aus dem Bereich der Infektionskrankheiten sitzen. Ihre methodische Orientierung ist stark durch die „evidenzbasierte Medizin“ geprägt, deren Goldstandard für Erkenntnis die „randomisierte kontrollierte Studie“ darstellt. Solche Studien setzen voraus, dass Kausalzusammenhänge durch die zufällige Zuweisung von Testpersonen zu Behandlungs- beziehungsweise Kontrollgruppen statistisch nachgewiesen werden. Im Rahmen dieser klinischen, orthodoxen Perspektive hielt man die Tröpfcheninfektion für erwiesen. Obwohl viele Forscher bereits Mitte des Jahres 2020 die Meinung vertraten, dass auch Aerosole, also kleine, über Luftströme transportierte Partikel, eine Rolle spielen, wurden diese Hinweise nicht gehört. Entsprechende Studien wurden nicht zitiert oder als nicht aussagekräftig dargestellt – zum Beispiel mit der Begründung, die häufig beobachtete Übertragung über kurze Distanz spreche gegen sie.

          Diese „orthodoxe“ Interpretation hatte namhafte Unterstützer mit Reputation in der klinischen Medizin und wurde in vielen Ländern übernommen. Allerdings blieb sie, wie die Studie an den Beispielen Großbritannien, Kanada und USA zeigt, nicht unwidersprochen: Die „heterodoxe“ Position der Aerosolforschung wurde allerdings vor allem vom Pflegepersonal und von Angestellten in Risikobereichen vertreten. Sie konnten damit häufiger Gerichte überzeugen als die nationale Gesundheitspolitik. Eine Ausnahme stellt Japan dar: Hier setzte sich ein führender Virologe, der viele Jahre für die WHO gearbeitet hatte, für die Aerosoltheorie ein und sorgte dafür, dass sie zur Grundlage der Eindämmungsmaßnahmen wurde.

          Dass die Aerosoltheorie zögerlich rezipiert und erst spät akzeptiert wurde, hat mit der Komplexität ihres Gegenstands und mit ihren wissenschaftlichen Referenzsystemen zu tun: Das einfache Kriterium der Partikelgröße ist ungeeignet, um eine scharfe Grenze zwischen Tröpfchen und Aerosolen zu ziehen. Aerosole sind dynamisch und können unter bestimmten Bedingungen auch unerwartet große Partikel transportieren. Der Nachweis, dass Viren sich auf diesem Weg verbreiten, gelingt allerdings oft nur indirekt – über mathematische Modelle und technische Nachbildung entsprechender Situationen. Die Rezeption der hetero- doxen Position in der institutionalisierten Gesundheitspolitik wurde dadurch erschwert. Um solche Hürden zu beseitigen, empfehlen die Autoren mehr Interdisziplinarität. Das könnte die Erfolgschancen unkonventioneller Ideen erhöhen – aber auch die Zahl orthodoxer Überzeugungen, die ihnen entgegenstehen.

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