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Leistungsgesellschaft : Ist das Gemeinwohl am Ende?

  • -Aktualisiert am

Schule der Eliten: Abschlussfeier der Kadetten der amerikanischen Militärakademie „West Point“ Bild: AP

Welche Nachteile haben reine Leistungsgesellschaften? Der amerikanische Philosoph Michael Sandel ist dieser Frage in seinem neuen Buch nachgegangen.

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          Das Wort von der Meritokratie hat der britische Soziologe Michael Young vor mehr als fünfzig Jahren erfunden – und zwar als Titel und Thema für einen Zukunftsroman, der an einer streng leistungsgerechten Gesellschaft zwei Nachteile beleuchten soll. Diesen Nachteilen stehen entsprechende Vorzüge einer ungerechten, durch Schichtung und soziale Vererbung bestimmten Gesellschaft gegenüber. Das Buch hat also eine paradoxe Botschaft. Er wirbt nicht geradezu dafür, sich mit Ungerechtigkeit abzufinden, aber es erzieht dazu, sie mit weniger Naivität zu bekämpfen.

          Der erste Nachteil besteht in der Schwächung der Unterschicht als Gruppe. Bei ungehindertem Leistungsaufstieg würden ihr gerade die besten Leute entzogen, und für den politischen Kampf gebe es dann, so Young, keine Führer mehr. Wo dagegen ungerechte Barrieren den individuellen Aufstieg aus Unterschichten behindern, ist die Solidarität dieser Gruppen stärker ausgeprägt. In einer Gesellschaft, die Bildungsaufstiege auch für Arbeiter ermöglicht, wird es demnach schwerer, Arbeiterparteien zu bilden. Young selbst stand übrigens der Labour Party nahe, und man darf annehmen, dass dies auch ein Wink an seine politischen Freunde war.

          Protest gegen die real existierende Meritokratie

          Den zweiten Nachteil sieht Young darin, dass man sich von den Ergebnissen einer leistungsgerechten Auslese schwer distanzieren kann. In einer Verteilungsordnung, aus der Zufall und Willkür verbannt wurden, muss jeder alle Erfolge und Misserfolge sich selbst zurechnen. Es gibt dann Oberschichten ohne Demut und ohne Dankbarkeit für die unverdienten Gnaden der eigenen Geburt, da es auf diese nicht mehr ankommt, und es gibt Unterschichten, denen Gruppenstolz und Selbstachtung abhandenkamen.

          Der amerikanische Philosoph Michael J. Sandel hat nun ein Buch vorgelegt, das die hypothetischen Ergebnisse dieses Gedankenexperiments als empirisch gemeinte Zeitdiagnose vorträgt. Sandel sieht zusammen mit der Leistungsgesellschaft auch ihre von Young prognostizierten Nachteile realisiert, darunter vor allem den zweiten. Die moderne Gesellschaft leide darunter, dass die Eliten die bekannten Annehmlichkeiten ihrer Lebensführung als gerechten Lohn für eigene Bildungsanstrengung und eigenes Talent beanspruchen, und dass es den Massen ganz fern liegt, dagegen zu protestieren, weil sie an die Gerechtigkeit des Bildungssystems glauben und daher auch bei krasser Ungleichheit weder an der sozialen Stellung der anderen noch an der eigenen ernsthafte Kritik üben können. Um diesem Übel abzuhelfen, schlägt Sandel vor, den Zufall an der Verteilung der sozialen Chancen zu beteiligen: Würde etwa der Hochschulzugang nicht nur von Leistungen, sondern auch vom Losglück abhängen, dann könnte dies den Akademikern die Neigung zur Selbstanbetung nehmen und den Nichtakademikern das Minderwertigkeitsgefühl.

          Für einen Philosophen argumentiert Sandel bemerkenswert inkonsequent. Träfe seine These zu, dann dürfte es keine Proteste geben, die sich gegen Eliten richten. Dagegen spricht natürlich der Populismus. Sandel erklärt ihn kurzerhand zu einem Protest gegen die real existierende Meritokratie. Wir hätten es demnach mit einem Aufstand der Erfolglosen gegen eine Situation zu tun, die ihnen keine honorige Deutung der eigenen Lage gestattet. Aber weder ist die Zustimmung für Populisten auf Unterschichten begrenzt, noch trifft es zu, dass die Geringverdiener zur Selbstzurechnung ihres ökonomischen Schicksals gezwungen würden.

          Nicht schwer, sich als Opfer der Umstände darzustellen

          Sandel selbst räumt wenige Seiten später ein, dass das Leistungsprinzip nur ein Ideal und keine Realität ist, etwa weil fortbestehende Schichtungsstrukturen die Chancen des Schulerfolgs verzerren. Das kommt einer realistischen Beschreibung schon näher. Aber anders, als Sandel zu unterstellen scheint, ist das Bewusstsein von den sozialen Ungleichheiten kein Geheimwissen. Die Medien lassen wenig unversucht, um es zu verbreiten. Die Sozialwissenschaften assistieren mit immer neuen Daten, und auch die Politiker machen ohne Einschränkung mit. Sandel sieht zutreffend, dass sie in allen Parteien die Meritokratie als Ideal hochhalten. Aber er würdigt zu wenig, dass sie dies nicht tun können, ohne eben damit die ungerechte Verteilung der sozialen Güter als Realität anzuerkennen. Der ganze Wohlfahrtsstaat versteht sich bekanntlich als Ausgleich unverdienter Nachteile.

          In einer Gesellschaft, die sich so deutlich als System ungerechter Verteilungen beschreibt, gibt es für jeden Verlierer, der nach einer Erklärung sucht, die seine Selbstachtung schont, eine überall verständliche Sprache, in der er jederzeit ausdrücken kann, das es nicht an ihm lag, wenn er auf dem Weg nach oben nicht sehr weit vorankam. Es ist in dieser Gesellschaft nicht schwer, sich als Opfer der Umstände darzustellen. Es ist sogar so leicht, dass manche individualistisch gesinnten Kritiker befürchten, der Begriff der persönlichen Verantwortung könne einmal gegenstandslos werden.

          Michael Young, The Rise Of The Meritocracy 1870-2033, London 1958; Michael. J. Sandel, Vom Ende des Gemeinsinns: Wie die Leistungsgesellschaft unsere Demokratien zerreißt, 2020, Frankfurt/M..

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