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Soziale Distinktion in Kitas : Wie Kleinkinder mit Wörtern Eindruck schinden

  • -Aktualisiert am

Früh übt sich! Kindergartenkinder lernen rasch, dass sie durch eine vornehme Sprache bei den Erwachsenen punkten können. Bild: Imago

Bereits im Kindergartenalter strebt der Mensch nach Einfluss und Ansehen. Dafür nutzen Kleinkinder gerne eindrucksvolle Begriffe, und auch wenn diese gar nicht zum Sandkuchen oder Gekritzel passen – auf den Effekt kommt es an.

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          Sozialisation beginnt früh. Sie bedeutet aber nicht einfach Anpassung, sondern legt auch die Grundlage dafür, in das soziale Geschehen eingreifen zu können: Nur wer die Regeln kennt, kann sie auch zum eigenen Vorteil nutzen. Ob in Familie, Schule oder Beruf, eine der wichtigsten Lektionen besteht darin, dass man die jeweils geltenden Bewertungskriterien kennenlernt und dadurch unter anderem lernt, sich in ihrem Licht gut darzustellen. Dies fällt leichter, wenn man Lernerfolge von einem Kontext auf einen anderen übertragen kann.

          Dass sich dies bereits in sehr frühen Phasen beobachten lässt, zeigt die kürzlich erschienene Studie eines französischen Soziologen, der 28 Kinder einer Pariser Kindertagesstätte über mehrere Wochen beobachtet hat. In diesem Alter sind die Kinder noch mitten im Spracherwerb, sodass insbesondere die Entwicklung symbolischer Fähigkeiten und deren Einsatz im sozialen Kontakt untersucht werden kann.

          Die Kita ist ein interessantes Forschungsfeld, weil sie Kinder aus unterschiedlichen Milieus in einem Rahmen versammelt, der äußere Einflüsse reduziert. Sozioökonomische Unterschiede werden zum Beispiel durch den üblicherweise geltenden Kommunismus der materiellen Ausstattung nivelliert: Es werden keine eigenen Spielsachen mitgebracht, und der monopolisierenden Inbesitznahme der vorhandenen Gegenstände wird entgegengetreten. Auch hält sich das Personal mit Interventionen zurück, weil es seine Aufgabe als Betreuung, nicht als Erziehung interpretiert.

          Mit Sprache kommt man weiter, das weiß jedes Kind

          Trotz rudimentärer Sprachfähigkeiten haben viele Kinder bereits gelernt, dass man mit Sprache weiterkommt – insbesondere, um andere für die eigenen Vorhaben einzuspannen. Das beginnt bereits damit, die Erwachsenen namentlich anzusprechen. Kinder, die aufgrund ihres Alters oder familiären Hintergrunds noch über wenig symbolische Ressourcen verfügen, begnügen sich mit unspezifischen Signalen oder einem allgemeinen „Monsieur“, wenn sie Hilfe benötigen. Auffallend schnell lernen hingegen vor allem Kinder aus Akademikerfamilien, dass man mit der Nennung des Vornamens schneller und zuverlässiger Aufmerksamkeit erhält.

          Dies gilt auch für Höflichkeitsfloskeln, die in diesem Alter noch die Ausnahme sind – nur elfmal notierte der Forscher das Wort „bitte“, das beinahe ausschließlich von Kindern aus der Mittelschicht benutzt wurde. Die Kinder setzen höfliche Floskeln meist in stark ritualisierter Form ein. Zum Beispiel schildert der Forscher eine Situation, in der er den Kindern beim Treppensteigen im Weg war und sich ein Mädchen mit „Entschuldigung, Madame!“ an ihm vorbeidrückte, weil sie genau diese Formulierung in ihrer Familie gehört hatte.

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          Doch Sprache dient in der Kindergruppe nicht nur dazu, andere zu Handlungen im eigenen Sinne zu bewegen. Sie wird auch eingesetzt, um die Wahrnehmung von Objekten und Situationen so zu beeinflussen, dass für die eigene Person etwas abfällt. Da materielle Statussymbole weitgehend ausgeschlossen sind, greifen die Kinder auf symbolische Währungen zurück. Zu diesen gehören Bezeichnungen für Gegenstände: Immer wieder kommt es vor, dass ein Kind mit einem Gegenstand, dessen Name ihm offensichtlich vertraut ist, zu einem Erwachsenen geht und sich die „offizielle“ Bestätigung holt, dass es sich um einen Stift, ein Messer oder einen Teller handelt.

          Man lernt tatsächlich was fürs Leben

          Gewiefte Kinder gehen so weit, dass sie prestigeträchtige Bezeichnungen ausborgen: Ein Junge kritzelt etwas aufs Papier und fragt, ob dies eine Sonne sei, oder ein Mädchen hält einen Teigklumpen hoch und ruft: „Nashorn!“. Die Kinder wählen die Bezugspunkte ihrer fiktiven Benennungen nicht zufällig, und sie schaffen es auf diese Weise selbstverständlich, wohlwollendes Lob von den Erwachsenen einzuheimsen. Eine weiter fortgeschrittene Variante besteht darin, ein Objekt wortreich auszuschmücken und seinen symbolischen Wert dadurch zu erhöhen: Das Häufchen Sand ist dann nicht nur ein Kuchen, sondern ein Erdbeerkuchen, und zwar ein wohlschmeckender, was die als soziales „Gerüst“ fungierenden Erwachsenen gern bestätigen. Es überrascht nicht, dass Kinder aus privilegierten Milieus dies besser beherrschen und beim Betreuungspersonal einen stärkeren Eindruck hinterlassen.

          Die Kleinkinder betätigen sich also schon fleißig in Praktiken sozialer Distinktion, wie sie Pierre Bourdieu und andere für die Erwachsenenwelt beschrieben haben. Man kann einen Beitrag zur frühkindlichen Bildung darin sehen, dass die Kindertagesstätte sich in dieser Hinsicht als Sozialisationsinstanz erweist, in der man tatsächlich etwas für das Leben lernt.

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